Er streckte eine Hand aus und tastete nach dem nächsten Vorsprung. Seine Fingerspitzen krallten sich in den leicht rauen Stein, und er verlagerte seinen Körperschwerpunkt, bis sein linkes Bein frei war, um die nächste minimale Vertiefung zu finden.
Seine Konzentration war absolut – selbst ein kurzes Abschwenken der Gedanken konnte tödlich sein, wenn man ungesichert fast fünfzehn Meter über dem Abgrund hing.
Aus einem der Fenster schräg über ihm fiel unvermittelt Licht nach draußen, und instinktiv verharrte er kurz, ehe er sich langsam wieder in Bewegung setzte. Das Licht erlosch wieder, doch von der Vorderseite des Gebäudes drang genügend Helligkeit herüber, dass er der im Vorfeld geplanten Route folgen konnte.
Er schob sich ein weiteres Stück in die Höhe und fasste mit der linken Hand um die Gebäudekante herum, sodass er sich in den Seitgriff lehnen konnte, während die Finger seiner Rechten den nächsten Punkt ertasteten: einen Riss, wo an dem alten Fabrikgebäude zwischen zwei Steinreihen Mörtel herausgebröckelt war. Die Lücke war gerade groß genug, um drei Fingerkuppen hineinschieben zu können.
Der Grip seiner Kletterschuhe erlaubte es ihm, sich das letzte Stück nach oben zu stemmen, bis er die Fußspitzen auf der nächsten Zierleiste aufsetzen konnte. Zwar waren diese Vorsprünge nur wenige Zentimeter tief, doch sie boten ihm ausreichend Halt, um zwischen den Stockwerken einen Moment durchzuatmen und einen Arm nach dem anderen auszuschütteln, bevor er in den Chalk-Beutel an seinem Gürtel fasste, um seine Hände mit dem weißen Pulver zu bestäuben.
Ein letztes Mal griff er in die Wand, setzte die rechte Fußsohle auf und senkte den Ballen, bis die komplette Sohle Kontakt zur Mauer hatte.
Noch ein Zug, und er hatte sein Ziel erreicht und hockte auf dem Sims des obersten Fensters. Er löste den Sauggreifer von seinem Gürtel, hielt ihn gegen die Glasscheibe und presste mit dem Daumen wiederholt den Knopf der Vakuumpumpe, bis der Greifer festsaß und ihm den nötigen Rückhalt für die nächsten Schritte bot.
Mit routinierten Bewegungen setzte er den Glasschneider an und ritzte einen Kreis in die äußerste Scheibe. Dann tauschte er Glasschneider gegen Hammer, löste mit vorsichtigen Schlägen das Kreisinnere entlang der Sollbruchstelle und legte die Bruchstücke auf dem Fenstersims ab. Das Ganze wiederholte er noch zwei Mal; dann hatte er sich durch die Isolierverglasung gearbeitet und konnte den Arm durch die Öffnung stecken und den Fenstergriff drehen. Das Fenster schwang auf.
Er schlüpfte ins Wohnungsinnere und drückte das Entlüftungsventil, um den Sauggreifer zu lösen, bevor er ihn zusammen mit dem Werkzeug und den Glasstücken wieder in seinem Rucksack verstaute.
Er zog den Fensterflügel zu und trat aus dem Gäste-WC in den dunklen Flur. Mit einem Grinsen registrierte er das Blinken der scharfgeschalteten Alarmanlage, die die Wohnungstür sicherte, dann wandte er sich zum Wohnzimmer.
Ungeniert kippte er alle Lichtschalter neben dem offenen Durchgang. Deckenleuchten an den dunklen Holzbalken und Spots vor den unverputzten Backsteinwänden flammten auf und tauchten die riesige Loftwohnung in helles Licht.
Beiläufig streiften seine Blicke über moderne Möbel und eine technische Ausstattung vom Feinsten, während er zielstrebig auf die Treppe an der fensterlosen Rückwand zuging und die Stahlblechstufen zur Galerie hinaufstieg.
Große Tische und vollgestopfte Bücherregale dominierten den Bereich, und auf einem Schreibtisch standen neben einem iMac und einem Haufen technischem Zubehör auch einige persönliche Gegenstände wie Anti-Stress-Spielzeug und Fotos. Und ein kleines Gemälde in einem schlichten Silberrahmen.
Er griff danach und betrachtete die Darstellung einer hübschen jungen Frau mit schulterlangen dunkelbraunen Haaren und einem schelmischen Lächeln.
Zufrieden zog er die gepolsterte Schutzhülle aus einer Innentasche seiner Jacke, steckte das Bild hinein und verstaute es sicher.
Dann wandte er sich zum Gehen. Er schaltete die Lampen wieder aus und kehrte ins Gäste-WC zurück. Minuten später hatte er das kaputte Fenster mit Folie abgeklebt und befand sich auf dem Rückweg nach unten.
* * *
Als er die unterste Zierleiste erreicht hatte, stieß er sich von der Wand ab, traf mit den Vorderfüßen auf dem Boden auf, ging in die Knie und fing die restliche Fallenergie mit den flachen Händen ab.
Geschmeidig kam er wieder in die Höhe und zog sich den Helm vom Kopf. Er nahm den Rucksack ab und ließ den Helm hineinfallen, ehe er sich bückte, um seine Kletterschuhe auszuziehen.
»Luka Schmidt?«, erklang eine Stimme hinter ihm, und er wirbelte herum.
Zwei Männer standen wenige Meter von ihm entfernt im Halbdunkel und versperrten ihm den Weg zur Straße.
Diese beiden waren wie er selbst von Kopf bis Fuß schwarz gekleidet, doch anders als er waren sie groß und kräftig gebaut. Und ein Blick reichte, um ihm zu zeigen, dass es keine Polizisten waren.
Mit einem innerlichen Fluch verabschiedete er sich von seinem Rucksack samt Inhalt. Dann explodierte er. Drei schnelle Schritte führten ihn schräg an der Hausfassade empor, bis er sich in Kopfhöhe abstieß, über die beiden Fremden hinweghechtete und sich dabei in der Luft drehte. Er landete, machte eine Rolle, kam aus der Bewegung heraus wieder hoch und rannte.
»Teufel!«, hörte er hinter sich einen der Männer sagen.
Ohne weiteres Zögern nahmen die beiden die Verfolgung auf, und die Jagd begann.
Luka sprintete um die Gebäudeecke herum und rannte den Bürgersteig entlang. Passanten waren zu dieser Stunde kaum noch unterwegs, sodass er ungehindert die Beine in die Hand nehmen konnte.
Als er einen schnellen Blick über die Schulter warf, sah er, dass seine Gegenspieler sich getrennt hatten und ihm auf unterschiedlichen Straßenseiten folgten, offensichtlich in der Hoffnung, ihm so den Weg abschneiden zu können.
Luka grinste. Wozu gab es eine dritte Dimension?
Mit einem Satz stand er auf einem Stromverteiler, ein zweiter brachte ihn auf das Dach eines Kioskhäuschens. Von dort sprang er hoch zu einem Balkon. Seine Füße trafen auf die Wand, und seine Finger umklammerten die Oberkante der Brüstung. Für die Dauer eines Wimpernschlags hing er so; dann zog er sich hinauf. Seine Füße hockten auf der Brüstung auf, und er schnellte nach oben. Drei Stockwerke später stand er auf dem flachen Dach des Gebäudes und warf einen Blick über die Kante.
Er brauchte ein paar Sekunden, bis er seine Verfolger ausfindig gemacht hatte. Sie bewegten sich auf zwei grob parallel verlaufende Seitenstraßen zu. Beider Augen waren nach oben gerichtet.
Luka hob die Hand in einem spöttischen Gruß, bevor er sich umdrehte und das Dach entlangrannte. An der gegenüberliegenden Kante stieß er sich ab. Einen Herzschlag lang schien die Zeit stillzustehen, als sein Körper die Entfernung zum Nachbarhaus überwand.
Ein paar Meter entfernt und ein gutes Stück tiefer kam er wieder auf und rollte sich ab.
Zwei Häuser weiter hatte er sich wieder dem Straßenniveau genähert.
Er lief zum seitlichen Rand des Dachs und sah die Straße entlang. Keine Spur von seinen Verfolgern.
Mit einem Grinsen breitete er die Arme aus und warf sich von der Brüstung. Im Sprung packten seine Hände den Ausleger einer Ampel. Er schwang sich um den Mast herum, flog durch die Luft, landete und machte einen Salto, um die Bewegungsenergie abzubauen.
Den Rest des Weges legte er in gemütlichem Jogging-Tempo zurück.
Zu Hause angekommen, schaltete er die Lampe in seinem kleinen Flur ein, bevor er die Wohnungstür abschloss, den Schlüssel auf das Bord warf und seine Kletterschuhe auszog. Kurz betrachtete er die von seiner Flucht durchgewetzten Sohlen, ehe er die Schuhe mit einem Achselzucken fallen ließ. Die taugten nur noch für die Tonne.
Barfuß und mit der Jacke unterm Arm ging er ins Wohnzimmer und streckte die Hand nach dem Schalter aus.
Das Licht ging an, und er sah sich den beiden Fremden gegenüber, die es sich in seinen Sesseln bequem gemacht hatten und auf ihn warteten.