Kapitel 1
Mit einem leisen Ächzen hob er die Füße auf die Reling und kippte den Kopf zurück gegen die Lehne seines Stuhls. Den Kaffeebecher auf dem Bauch, hielt er das Gesicht in die Morgensonne.
Nach einem ungewöhnlich kalten Frühjahr hatte sich das Wetter rechtzeitig zu Beginn der Osterferien gebessert, und er genoss die langvermisste Wärme.
Müßig dachte er darüber nach, dass es Zeit wurde, den Anker zu lichten. Auch, wenn seine Ex-Kollegen die ›Ree‹ kannten und bereit waren, ein Auge zuzudrücken, wenn er verbotenerweise über Nacht am Rheinufer festmachte – es wäre unfair, ihre Großzügigkeit auszunutzen.
Ihr Mitleid.
Der Gedanke war so bitter wie der alte Kaffee in seinem Becher. Er musste sich wirklich angewöhnen, morgens neuen zu machen, statt die warmgehaltene Brühe aus der Nacht zu trinken.
Sein Blick fiel auf ein Hausboot, das gefährlich nah an ein Frachtschiff geraten war und nun so rasch es konnte beiseite strebte.
Er schnaubte und konnte förmlich den Kapitän des Frachters fluchen hören.
Es war echt eine Plage, dass Ferien auf dem Hausboot immer beliebter wurden und sich jeder Möchtegern-Matrose, der den Sportbootführerschein gerade frisch in der Tasche hatte, auf den Rhein traute.
Er konnte zwei Personen auf Deck erkennen, ein junges Mädchen und ein Kleinkind in einer leuchtend orangefarbenen Rettungsweste. Die Eltern waren wahrscheinlich im Steuerstand, und er grinste bei der Vorstellung, wie sie am Rad drehten. Im wahrsten Sinne.
Das Grinsen verging ihm, als er sah, wie das Kleinkind einen Fuß auf den unteren Teil der Reling setzte und sich in die Höhe zog.
Warum zum Teufel hielt seine Schwester es nicht zurück?
Ein Blick zeigte ihm, dass die Aufmerksamkeit des Mädchens auf etwas gerichtet war, was es in den Händen hielt. Wahrscheinlich sein verdammtes Handy.
Der Kaffeebecher prallte aufs Deck, als er aufsprang, die Arme schwenkte und brüllte, so laut er konnte. Doch das Boot war zu weit entfernt, als dass sie ihn hätten hören können.
Hilflos musste er mit ansehen, wie das Kind höher kletterte, als wäre es auf einem Spielplatz, bis es den Rand der Reling erreicht hatte.
Und dann kam es, wie es kommen musste.
Das Schiff schwankte, das Kind verlor das Gleichgewicht und stürzte in die Tiefe, wo es von der Strömung erfasst und wie ein Korken mitgerissen wurde.
Er holte tief Luft. Und sprang.
Er hatte gewusst, was ihn erwartete. Aber etwas mit dem Verstand zu erfassen und es am eigenen Leib zu spüren, war etwas ganz anderes.
Die Wassertemperatur lag nach dem langen Winter bei wenigen Grad, und das Eintauchen war ein Schock. Für einen Moment raubte ihm die Kälte buchstäblich den Atem, und reflexartig rang er nach Luft. Prompt drang ihm Wasser in die Luftröhre, und er hustete krampfhaft.
Mit schnellen, unregelmäßigen Zügen atmete er ein und aus und hielt nach dem Kind Aussicht. Kostbare Sekunden lang suchte er vergeblich. Dann sah er die leuchtende Warnweste herantreiben.
Er wusste, es blieben ihm nur Augenblicke, bis das Kind auf seiner Höhe war. Und wenn er es nicht rechtzeitig erreichte, war es verloren.
Verbissen kämpfte er mit der Strömung und arbeitete sich zur Mitte des Flusses hin vor; die Augen unvermittelt auf den farbigen Fleck gerichtet, der immer näher kam.
Im letzten Augenblick gelang es ihm, die Bergeschlaufe der Weste zu packen, ehe das Kind an ihm vorbeigetrieben war.
Er drehte sich auf den Rücken und zog den kleinen Körper auf sich. Das Kind war still, die Augen geschlossen und die Lippen blau. Die dicke Weste macht es ihm unmöglich, Atemzüge zu erkennen. Er hoffte, dass er es schnell genug aus dem Wasser gezogen hatte und dass die Weste den weiteren Wärmeverlust etwas einschränkte.
Doch dann blieb kein Raum mehr in seinem Kopf für etwas anderes als den Kampf ums Überleben.
Er zitterte unkontrollierbar, und seine Zähne schlugen heftig aufeinander. Die Kälte war ein Schmerz, der wie Feuer brannte und gleichzeitig seinen Körper lähmte. Immer schwerer fiel es ihm, seine Glieder gezielt zu bewegen und koordinierte Schwimmbewegungen auszuführen.
Mit aller verbleibenden Kraft kämpfte er darum, aus der Fahrrinne und in Richtung des Ufers zu kommen. Wenn sie in den Sog einer Schiffsschraube gerieten, waren sie beide erledigt.
Eine der in den Fluss ragenden Buhnen zu erreichen, war ihre beste Hoffnung. Wahrscheinlich auch ihre einzige. Gleichzeitig waren sie wegen der sich an ihnen bildenden Strudel besonders gefährlich.
Diagonal zur Strömung arbeitete er sich langsam in Richtung des Flussrands vor. Wann immer er den Kopf drehen musste, um sich zu orientieren, geriet ihm Wasser in Mund und Nase, und er rang hustend und keuchend nach Luft.
Endlich hatte er das äußere Ende einer Buhne erreicht.
Er legte einen Arm über die groben Steine und versuchte, seine letzten Reserven zu mobilisieren.
Der Puls dröhnte in seinen Schläfen, und er spürte das Stolpern seines angegriffenen Herzens.
Seine Stirn sank auf seinen Oberarm, und seine Lider flatterten, als er gegen das Bedürfnis ankämpfte, die Augen zu schließen. Sich auszuruhen, nur ganz kurz.
Aber er wusste, wenn er diesem Drang jetzt nachgab, war es vorbei.
Mit einem Stöhnen hob er den Kopf und konzentrierte sich auf das Kind.
Ein kleiner Junge war es, sah er jetzt, mit braunen Locken, die nass an seinem Kopf klebten, und zarten Brauen, die sich dunkel von dem weißen Gesicht abhoben. Und er betete zu dem Gott, an den er nicht glaubte, dass der Familie ein tragisches Ende des heutigen Dramas erspart blieb.
Endlos scheinende Momente lang versuchte er vergeblich, seine Finger um einen der Gurte der Rettungsweste zu schließen. Seine Hände waren wie zwei tote Klumpen, die nicht länger zu seinem Körper gehörten, und seine Nerven weigerten sich, den Befehl an die Finger weiterzuleiten.
Erst, als er die ganze Hand unter die Weste schob, gelang es ihm, den reglosen Körper des Kindes aufs Trockene zu zerren und zu schieben, immer wieder erschöpft innehaltend.
Als das Kind endlich in Sicherheit war, blieb er einfach liegen, Kopf und Schultern auf dem steinigen Untergrund, den Unterkörper noch in dem eisigen Wasser.
Er spürte, wie die Strömung an ihm zerrte, und rammte die tauben Finger einer Hand in die Spalte zwischen zwei Felsbrocken, so fest er konnte.
Dann verlor er das Bewusstsein.