Jana schloss die Augen, doch den Geräuschen konnte sie nicht entkommen. Die leisen Töne, die das aktuelle Opfer von sich gab, waren schlimmer als die Schreie der anderen. Es waren die erstickten Laute eines starken Mannes, dessen Schmerzen über die Grenzen des noch stumm Erträglichen hinausgingen, und sie wurden fast übertönt von dem Klatschen der Gerte auf seinem Fleisch.
Endlich herrschte Stille, und sie öffnete die Augen wieder. Der Gefangene hing reglos an seinem Haken. Frische Striemen kreuzten die älteren Wunden auf seiner Haut, und Blut drang aus seinen Handgelenken, in die sich die dünnen Kunststofffesseln tief eingegraben hatten. Es rann die mit verschlungenen Linien bedeckten Arme hinab und lief über seinen nackten Körper, bis es dort niedertropfte, wo seine Fußspitzen nur knapp den Boden streiften. Sein Kopf hing herab, und die langen dunklen Haare fielen ihm wirr ins Gesicht.
Neben ihr sah Valentin auf seine Armbanduhr, bevor er auf den Knopf für das Mikro drückte, das seine Stimme in den Nebenraum übertrug.
»Okay, Schluss für heute«, sagte er. »Ich habe gleich einen anderen Termin. Aber meinetwegen nehmt euch noch Zeit mit ihm, bevor ihr ihn zurück in die Zelle bringt.«
Gero und Marek drehten kurz die Köpfe zur Glasscheibe, grinsend wie zwei kleine Jungen, bevor sie einer Fliege die Beine ausreißen.
»Danke, Boss.« Geros Zungenspitze fuhr über seine Lippen, während er sich wieder seinem Opfer zuwandte. »Ich hatte schon lange kein Spielzeug mehr.«
Marek kicherte, und seine Hände schlossen und öffneten sich unruhig, doch wie immer überließ er seinem Kumpan den Vortritt.
Valentin wandte sich zum Gehen und ruckte auffordernd den Kopf Richtung Tür, während er beiläufig seine Krawatte richtete. Noch vor wenigen Augenblicken hätte Jana nichts lieber getan, als die Flucht zu ergreifen, doch jetzt zögerte sie. Wenn der Boss den Raum verließ, war der Gefangene seinen Peinigern vollkommen ausgeliefert.
Gero fuhr mit dem Ende der Gerte kosend über das Gesäß des Bewusstlosen, und Jana senkte den Blick und schluckte gegen die aufsteigende Galle an, als er sich in den Schritt griff, um den Stoff seiner Hose zu lockern.
Als sie wieder hochsah, wurde sie von einem Paar grüner Augen gebannt, dunkel und vernebelt von Schmerzen. Der Gefangene hatte den Kopf gehoben, und sekundenlang wirkte er benommen und desorientiert.
Dann verschärfte sich sein Blick, und sie sah fasziniert, wie ein Glimmen den Nebel darin vertrieb. Im nächsten Moment trat er aus und rammte Gero das Schienbein zwischen die Beine.
Jana kiekste erschrocken, aber ihre Reaktion war nichts gegen die von Gero, der sich mit einem Schrei zusammenkrümmte, die Finger um seinen Schritt geklammert.
Keuchend verharrte er so. Doch dann hob er das Gesicht wieder, und die pure Mordlust stand darin geschrieben.
Mit einem Fluch machte Valentin einen großen Schritt zurück zum Pult und hieb mit der flachen Hand auf den Mikrofonknopf. »Reiß dich am Riemen, Gero. Wenn er stirbt, bringe ich dich um.«
Angewidert wandte er sich ab, und seine nachdrückliche Geste ließ keinen Widerspruch zu.
Stumm ging Jana ihm voraus.
* * *
Christian wusste, dass sie ihren Gegner unterschätzt hatten. Nachdem er sich geweigert hatte, Valentins Fragen zu beantworten, ließ dieser ihn systematisch durch den Wolf drehen. Christian hatte den Überblick verloren, wie oft ihn Valentins Schergen aus seiner Zelle gezerrt und in das Verhörzimmer geschleift hatten.
Und nachdem auch das nicht den gewünschten Erfolg erzielt hatte, war Valentin dazu übergegangen, der Kreativität seiner Handlanger freien Lauf zu lassen. Heute war Christian nur deswegen Geros Missbrauch entgangen, weil der nach dem Tritt nicht mehr in der Stimmung gewesen war.
Er merkte, wie sich seine Gedankengänge verselbstständigten, und riss mit einem Fluch den Kopf hoch, um nicht einzuschlafen. Er war so müde, so gottverdammt müde …
Stöhnend rappelte er sich in die Höhe, bis er saß. Er zitterte am ganzen Körper, und seine auf den Rücken geschnürten Hände waren eiskalt und taub.
Wie lange würde es dauern, bis Owain merkte, dass Christian seinen Auftrag nicht erfüllen konnte? Und welche Möglichkeiten blieben ihm dann noch, Valentin zur Rechenschaft zu ziehen? Mit seinem eigenen Leben hatte Christian schon so gut wie abgeschlossen, aber er hätte gar zu gern den Teufel mit sich in die Hölle genommen.
Wieder schweiften seine Gedanken unkontrolliert ab, und als das leise Geräusch in sein Bewusstsein drang, glaubte er, es sei Teil seines halben Traums.
Dann hörte er es erneut, und er holte tief Luft und ließ den Kopf an die Wand in seinem Rücken sinken. Scheiße, er hatte doch gerade erst eine Session hinter sich.
Die Tür öffnete sich, und er presste die Lippen aufeinander, um ihr Beben zu verbergen.
* * *
Jana schlüpfte in die Zelle, und die Tür schloss sich hinter ihr. Eine grelle Deckenlampe tauchte den Raum in blaustichiges Licht und ließ ihn noch kälter erscheinen. Fast erwartete sie, ihren Atemhauch in der Luft zu sehen.
Der Gefangene lehnte im Sitzen an der Wand, die Hände auf den Rücken gefesselt. Seine Augen waren voll Argwohn auf sie gerichtet, doch sie hatte die Überraschung darin aufblitzen sehen, als er sie erblickte.
Noch immer war er nackt, und die Zelle war bis auf eine Toilette vollkommen kahl. Noch nicht einmal eine Decke hatten sie ihm gegeben.
Jana kniete neben ihm nieder und streckte die Hand aus, um ihm zu zeigen, was sie darin hielt. Seine Augen senkten sich kurz zu dem Glastiegel, dann huschten sie wieder hoch zu ihrem Gesicht.
»Für deine Verletzungen«, sagte sie leise.
Sie hatte mit Engelszungen auf die Männer eingeredet, bis ihr auf Valentins Anweisung hin endlich die Creme ausgehändigt worden war.
Christian beobachtete, wie das Gesicht der Fremden grimmig wurde, als sie ihn musterte. Doch zugleich stand Mitleid in ihren Augen, und seine Anspannung löste sich etwas. Er glaubte nicht, dass ihm von ihr Gefahr drohte.
Was hatte sie in diesem Schlangennest verloren? Was hatte Valentin gegen sie in der Hand?
Er sah zu, wie sie das Gefäß in ihrer Hand aufschraubte und etwas von dem weißen Inhalt auf ihre Fingerkuppen nahm. Sorgsam begann sie damit, das Zeug auf seiner Haut zu verteilen.
»Wie fühlt es sich an?«, fragte sie, ohne den Blick von seinem Oberkörper zu nehmen.
Er öffnete den Mund zu einer Antwort, doch dann kam nur ein Zischen hervor, als seine Wunden unvermittelt begannen, wie Feuer zu brennen.
Janas Augen weiteten sich, als der Gefangene sich krümmte und einen qualvollen Laut von sich gab.
»Wisch es ab«, brachte er durch zusammengebissene Zähne hervor.
Sie hatte keine Ahnung, was passiert war – aber ohne zu zögern, riss sie sich das Sweatshirt über den Kopf und wischte seinen Oberkörper damit ab, bis nichts von der Creme mehr auf seiner Haut verblieb.
Ihre Hände zitterten, und Tränen standen in ihren Augen. Fang jetzt nicht an zu heulen!
Sie ließ den zusammengeknüllten Stoff sinken und starrte den Mann an, der sich langsam, ganz langsam, wieder entspannte. Endlich lehnte er sich zurück gegen die Wand. Sein Atem ging keuchend, aber der unerträgliche Schmerz war aus seinem Gesicht verschwunden.
»Was war?«, fragte sie, und ihre Stimme klang so brüchig, dass sie sich räuspern musste.
Wortlos ließ ihr Gegenüber seinen Blick über sie wandern, dann nickte er zu ihrer linken Hand hin. Verwirrt betrachtete Jana ihre Finger, bis sie verstand, worauf er hinauswollte. Am Zeigefinger war ein leichter Ritz zu sehen, wo sie beim Brotschneiden unachtsam gewesen war.
Zögernd verteilte sie etwas von der Creme auf der kleinen Wunde.
Beide starrten auf ihre Hand, während die Sekunden verstrichen. Schließlich hob sie mit einem Stirnrunzeln ihren Blick wieder, doch in diesem Moment schoss ein scharfer Schmerz durch ihren Finger. Gott, es fühlte sich an, als hätte sie Säure drauf gegossen!
Christian sah, wie sich das Gesicht der Frau schmerzhaft verzerrte und sie in Panik ihren Finger mit dem Sweatshirt abwischte.
Und dann flog der Tiegel durch die Luft und zerbarst neben der Tür an der Wand.
»Ich fasse es doch verdammt noch mal nicht!«
Mit geballten Fäusten sprang sie auf, und ihre Miene war gequält, als sie zu ihm heruntersah. »Es tut mir leid. Ich hatte keine Ahnung.«
Sie wirbelte auf dem Absatz herum und trommelte gegen die Tür.
»Lass mich raus!«, forderte sie, und als die Tür aufschwang, machte sie eine abrupte Bewegung mit dem Fuß.
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt, und die Reaktion des Wärters zeigte, dass er das Geschehen beobachtet hatte. »Scherben aufsammeln.«
Mit einem zornigen Geräusch zog die Fremde ein Tempotuch aus der Tasche und bückte sich, um die Bruchstücke des Tiegels aufzulesen.
Nach einem letzten prüfenden Blick ließ der Mann sie durch die Tür treten; dann war sie verschwunden.
Und während die Schritte auf dem Gang verklangen, schlossen sich Christians Finger um die größte Scherbe, die seine Besucherin ihm mit dem Fuß über den Zellenboden hinweg zugeschubst hatte.
* * *
Christian ließ so viel Zeit verstreichen, wie er es ertragen konnte, in ständiger Angst, erneut aus seiner Zelle geholt zu werden.
Sobald der Wärter mit der Fremden verschwunden war, hatte Christian damit begonnen, seine Fesseln zu durchtrennen, was ihn schweißtreibende Minuten und eine Reihe von Schnitten in seiner Haut gekostet hatte. Endlich hatte das Material nachgegeben und es ihm erlaubt, seine Arme vor den Körper zu bringen. Nach so langer erzwungener verdrehter Haltung war jede Bewegung qualvoll, und die wundgescheuerten Handgelenke brannten.
Mühsam kam er jetzt auf die Beine und ging zur Tür. Der innere Türgriff war abmontiert worden, sodass nur das Ende des Vierkantstifts zu sehen war.
Christian legte die Fingerspitzen beider Hände auf das Schloss und sammelte sich.
Es dauerte lange, viel zu lange, doch endlich ertönte ein Knacken, und die Tür schwang auf.
Erleichtert trat er hindurch und schloss sie hinter sich. Von den zahlreichen Trips zwischen seiner Zelle und dem Verhörzimmer war er mit der groben Aufteilung des Kellergeschosses vertraut und wusste, dass hier unten neben ein paar Vorratsräumen auch die Waschküche lag.
Und wenn ihm sein Glück zur Abwechslung einmal für fünf Minuten gnädig war, würde er es bis dorthin schaffen, ohne dass jemand mitbekam, dass hier unten ein nackter Mann rumrannte.
Er schaffte es. Knapp. Stimmen kamen hinter der nächsten Ecke den Gang entlang, als er die Waschküche erreichte und den Schlüssel aus dem Schloss riss, bevor er in den Raum schlüpfte und hinter sich abschloss.
Ein Haufen von Schmutzwäsche lag auf dem Boden, und unvermittelt tränten Christians Augen vor Müdigkeit, als er sich vorstellte, wie er sich auf dem weichen Stoff ausstreckte. Mit einem Fluch riss er sich von dem Anblick los und öffnete die Wäschetrockner auf der Suche nach sauberen Sachen.
Minuten später war er in die beige Hose und schwarze Jacke gekleidet, die Valentins Leuten als Uniform dienten, und wandte sich dem Kellerfenster zu. Er öffnete den Flügel und hob die Arme, doch bevor seine Finger das Gitter und die Drähte der Alarmanlage berührt hatten, hielt er inne.
Schwer stützte er sich auf eine der Waschmaschinen und schüttelte den Kopf. Dann machte er kehrt, bevor er es sich anders überlegen konnte.
Da er keine Socken gefunden hatte, war er barfuß, als auf den Gang zurückkehrte und sich auf die Suche nach der Treppe machte. An der Tür zum Erdgeschoss hielt er inne und konzentrierte sich, wobei er versuchte, den stechenden Schmerz hinter seinen Schläfen zu ignorieren. Er war fast am Ende seiner Kräfte.
Sein Geist breitete sich aus, und er erfasste die Personen, die sich im Gebäude befanden. Da er keine Möglichkeit hatte, Valentins Leute von den Gefangenen zu unterscheiden, konzentrierte er sich darauf, die Fremde aufzuspüren.
Noch immer in Trance öffnete er die Tür und schlüpfte hindurch. Auf seinem Weg in den zweiten Stock ließ er sich von seinem geistigen Frühwarnsystem leiten, und es gelang ihm, jeder drohenden Begegnung rechtzeitig auszuweichen. Schwieriger waren die zahlreichen Kameras, die er umgehen oder vorübergehend einfrieren musste, sodass einem eventuellen Überwacher keine Manipulation auffiel.
Als er endlich vor der richtigen Wohneinheit stand und klopfte, war er schweißgebadet und lehnte sich schwer gegen das Türblatt.
Sekunden verstrichen, und er klopfte erneut, fester.
Endlich hörte er, wie sich ein Schlüssel im Schloss drehte, und er raffte sich auf und trat einen halben Schritt zurück.
Die Tür öffnete sich nur einen Spalt. Blaue Augen unter zusammengezogenen Brauen blickten misstrauisch, dann weiteten sie sich überrascht, als sie ihn erkannte.
»Was machst du denn hier?«
Er holte tief Luft und stellte sich aufrechter hin. Dann streckte er die Hand aus. »Komm mit mir.«