PROLOG

Er parkte das Auto am Straßenrand und warf die Fahrertür zu, ohne abzuschließen. Nichts rührte sich in der ruhigen Nachbarschaft, als er im Licht des sichelförmigen Mondes auf das Haus zuging.

Mit wenigen Handbewegungen verschaffte er sich Zutritt. Hinter der Wohnungstür blieb er einen Moment stehen und dachte an die Träume, die er gehabt hatte. Liebe und Glück hätten diese Räume füllen sollen. Stattdessen würden sie nun Trauer und Schmerz beherbergen.

Er gab sich einen Ruck und durchquerte mit entschlossenen Schritten den Flur. In der Küche waren Herd und Arbeitsplatte mit den Bestandteilen des Festessens bedeckt, zu dem es nun nie kommen würde.

Neben dem Herd stand der massive Messerblock.

Sekundenlang schwebte seine Hand über den Griffen, dann zog er langsam das Kochmesser heraus.

Mit der Klinge in der Hand ging er weiter zum Schlafzimmer. Der schmale Streifen von Mondlicht, der durch den Vorhangspalt schien, fiel auf das Bild an der Wand. Der Wolf sah den Betrachter aus intelligenten gelben Augen an, die Ohren aufmerksam aufgestellt.

Seine Hand umklammerte den Messergriff fester, als er die Klinge hob.

Kapitel 1: STEFAN

»Stefan? Anruf für dich.«

Uwe hielt mir das Telefon hin, als ich auf dem Rückweg zu meinem Schreibtisch bei ihm vorbeikam.

Ich nahm das Gerät entgegen und meldete mich.

»Schneider.«

»Stefan?«, kam eine zögerliche Stimme, und mein Atem stockte. Siebzehn Jahre, und es brauchte nur das eine Wort, um zu wissen, wer sprach.

Sie deutete mein Schweigen falsch.

»Hier ist Marie Kolberg.«

Marie.

Ich drehte mich weg von Uwe und trat ans Fenster, damit keiner der Kollegen mein Gesicht sehen konnte.

»Was willst du?«

»Ich …«

Wieder dieses Zögern. Die Marie, die ich gekannt hatte, war kein zögerlicher Mensch gewesen. Auch nicht, als es darum ging, mein Leben kaputtzumachen.

»Ich möchte dich treffen.«

Ich schloss meine Augen und lachte. »Ja, klar.«

»Es ist wichtig.«

»Marie –«

»Bitte.«

Scheiße.

»Wann und wo?«, fragte ich, fast gegen meinen Willen.

Ich hörte ihr Aufatmen. »Könntest du heute am frühen Abend zu mir kommen? Zimmer 203 im Lindenhof.«

»Sieben.«

»Danke.«

Ich legte ohne ein weiteres Wort auf und brachte Uwe das Telefon zurück.

Dann ignorierte ich die neugierigen Blicke und machte weiter mit meiner Arbeit.

* * *

Wenige Minuten nach sieben stand ich vor der Zimmertür mit der Nummer 203.

Mein Klopfen war kaum verklungen, als sich die Tür öffnete und ich zum ersten Mal seit über siebzehn Jahren die Frau wiedersah, die einmal der Mittelpunkt meines Lebens gewesen war. Die Frau, die mich von einem Moment zum anderen ohne Erklärung sitzen gelassen hatte.

Marie.

Und verdammt, sie hatte sich kaum verändert. Noch immer zart und mädchenhaft, nur dass sie ihre langen Haare jetzt in einem Zopf auf dem Rücken trug. Mit einem Auge registrierte ich, dass sie sorgfältig gekleidet und zurechtgemacht war, als wäre ihr diese erste Begegnung nach all der Zeit wichtig.

Doch der Großteil meiner Aufmerksamkeit galt den Gefühlen, die sich in ihrem Gesicht abzeichneten.

Freude. Schuld. Furcht.

Wovor zum Teufel hatte sie Angst?

»Stefan. Komm rein«, sagte sie und trat zurück.

Ich blieb in der Nähe der Tür stehen und sah sie an.

Ihre Hände waren ineinander verknotet, und ihre Zungenspitze fuhr nervös über ihre Lippen.

Sie kam gleich zur Sache.

»Ich möchte, dass du Johannes kennenlernst«, sagte sie.

Ihrem Blick folgend, drehte ich mich um und sah einen Jungen in der Verbindungstür zum Nebenzimmer stehen.

Mein Atem stockte, als ich in sein Gesicht blickte, und es hätte Maries leise Worte nicht gebraucht: »Deinen Sohn.«

Lange Augenblicke stand ich reglos. Meine Augen erforschten die Gesichtszüge des Jungen. Meine Haare. Meine Augen. Mein Mund.

Mein Sohn.

Fassungslos drehte ich mich wieder zu Marie um. Sie zuckte zusammen, als sie mein Gesicht sah, und ihre Hände verkrampften sich.

»Siebzehn Jahre«, flüsterte ich. »Wie konntest du mir das antun?«

»Stefan …«

»Wie?«

Sie schlang die Arme um sich und schaute mich nicht an, als sie antwortete.

»Ich wusste nicht, dass ich schwanger war, als wir uns getrennt haben.«

Es brannte mir auf der Zunge, ihre Formulierung zu korrigieren, aber ich schwieg.

»Als ich es rausfand, habe ich die Ausbildung unterbrochen und bin wieder zu meinen Eltern gezogen. Und als Johannes dann auf der Welt war … Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Ich war immer wieder kurz davor, es dir zu sagen, aber ich wusste nicht, wie. Und je mehr Zeit verging …«

Ihre Augen hingen an dem Jungen, als sie weitersprach, und er kam zu ihr und stellte sich neben sie.

»Er war mein Sohn.«

»Das war er nicht, Marie. Er war unser Sohn.«

Mein Gesicht war verzerrt, und es kümmerte mich nicht, ob mein Schmerz offen darin geschrieben stand.

»Unserer«, flüsterte ich.

Ich wartete, aber sie sagte nichts.

»Warum jetzt?«, fragte ich schließlich.

Ihr tiefer Atemzug zitterte. Dann antwortete sie, und die Worte bohrten sich in mein Hirn, bis ich kaum noch klar denken konnte.

»Er ist krank, Stefan. Seine Nieren arbeiten nicht richtig. Es kann Monate oder auch Jahre dauern, aber irgendwann werden sie versagen, und dann …«

»Sterbe ich«, vollendete er, und ich senkte den Kopf und kämpfte gegen die aufsteigende Übelkeit an.

»Im Moment bekommt er Medikamente, der nächste Schritt wäre die Dialyse. Aber das Beste wäre eine Transplantation. Er steht auf der Warteliste für ein Spenderorgan, aber das dauert Jahre.«

Ich hob den Kopf wieder und sah, dass sie weinte und er den Arm um sie gelegt hatte.

»Bei Nieren ist auch eine Lebendspende möglich, oder?«, fragte ich.

Sie nickte. »Aber ich bin als Spenderin nicht optimal, und dann ist das Risiko für den Empfänger höher.«

»Wo kann ich mich testen lassen?«

Sie schloss für einen Moment ihre Augen. »Im ersten Schritt wird das Blut untersucht. Die Blutabnahme dafür kann in einer normalen Praxis gemacht werden.«

»Ich rede Montag mit meiner Ärztin.«

Sie öffnete ihren Mund, aber ich kam ihr zuvor und wandte mich an den Jungen: »Ich will mit dir sprechen.«

Er nickte. »Aber nicht jetzt.«

»Nein, nicht jetzt.«

Ich sah kurz wieder Marie an. »Ich melde mich morgen.«

Sie nickte stumm, und ich verließ fluchtartig das Zimmer.

Erst vor dem Hotel verlangsamten sich meine Schritte wieder. Neben meinem Wagen blieb ich stehen und starrte blicklos auf den Asphalt des Parkplatzes.

Endlich zog ich mein Handy aus der Hosentasche und wählte Ralfs Nummer.

»Stefan hier«, sagte ich, als er sich meldete. »Kannst du mich im Schabau treffen?«

Pause, dann fragte er zurück: »Jetzt?«

»Oder nachher, wie es dir passt.«

»Soll ich Mark und Simon mitbringen?«

»Je mehr, desto besser«, antwortete ich grimmig. »Irgendwann erfahren sie es ja doch.«

Wieder gab es eine kurze Pause, aber Ralf entschied sich offensichtlich, am Telefon nicht weiter nachzufragen.

»Bis gleich dann«, sagte er nur und beendete das Gespräch.

Ich stieg ein und fuhr das kurze Stück bis zur Kneipe.

Ich hatte mein erstes Bier zur Hälfte auf, als Ralf und sein Bruder an den Tisch kamen. Schweigend nickte ich meinen beiden ältesten Freunden zu.

»Das letzte Mal, als ich dich mit so einem Gesicht gesehen habe, hattest du dich gerade von Marie getrennt«, stellte Ralf fest, als er sich setzte.

»Sie hat sich von ihm getrennt«, korrigierte ihn Mark. Dann warf er mir einen schnellen Blick zu.

»Sorry«, murmelte er.

Ich winkte müde ab. »Du hast ja recht.«

Noch während die Kellnerin Ralf und Mark ein Bier brachte, betrat Simon die Kneipe, kam rüber zu uns und setzte sich neben Ralf. Seine Augen glänzten, als er sein Handy aus der Tasche holte.

»Max hat gestern das erste Mal gelächelt«, eröffnete er uns und präsentierte stolz ein Beweisfoto seines kleinen Sohns.

Ralf prostete ihm zu. »Wie alt ist er jetzt?«, fragte er.

»Sechs Wochen.« Simon warf selbst noch einmal einen Blick auf das Handy, bevor er es wieder wegsteckte.

»Meiner ist sechzehn Jahre«, sagte ich und leerte mein Bier, ehe ich der Bedienung ein Zeichen gab, mir ein neues zu bringen.

Stille entstand, und die Blicke flogen zwischen den dreien hin und her, bevor sie sich auf mich konzentrierten.

»Erklär uns das«, forderte Ralf.

Ich stellte das Glas beiseite, verschränkte die Arme auf dem Tisch und lehnte mich vor.

»Heute Vormittag bekam ich einen Anruf von Marie«, begann ich.

»Seine Ex«, warf Mark zur Erklärung für Simon ein.

»Meine Ex, von der ich seit mehr als siebzehn Jahren nichts gehört habe«, bestätigte ich.

»Sie sagte, sie müsse mich unbedingt treffen. Sie bittet mich, zu ihr ins Hotel zu kommen, und dort eröffnet sie mir dann, dass wir einen gemeinsamen Sohn haben.«

Ich senkte den Kopf, und meine Finger gruben sich so tief in meine Oberarme, dass es schmerzte. Ich kämpfte gegen den fast unwiderstehlichen Drang an, den Tisch umzuschmeißen oder laut zu brüllen – irgendetwas, um meiner ungeheuren Wut ein Ventil zu verschaffen.

Als ich eine Hand auf meiner Schulter spürte, blickte ich auf. Die Gesichter meiner Freunde waren grimmig. Ich wusste, dass sie nachempfinden konnten, was ich fühlte. Ralf und Simon waren selbst Väter, und Mark hatte seine erste Frau und ihr ungeborenes Kind auf tragische Weise verloren.

»Warum …?«, begann Mark.

»Warum sie es mir damals nicht gesagt hat, oder warum sie es jetzt tut?«

»Fang mit damals an«, schlug Ralf vor.

»Ich habe euch nie erzählt, warum sie sich von mir getrennt hat.«

Ich blickte von Ralf zu Simon. »Zwei von euch sind mit Frauen verheiratet, die so sind wie ihr. Du«, wandte ich mich an Mark, »hattest das große Glück, dass Lea dich so akzeptieren konnte, wie du bist. Und das vielleicht noch größere Glück, dass sie gesehen hat, was du bist.«

»Du hast ihr die Wahrheit über dich gesagt, und sie hat dir nicht geglaubt«, fasste Mark zusammen.

»Warum hast du uns nicht gefragt?« Ralf lehnte sich vor.

»Einer von uns hätte es ihr doch beweisen können.«

Ich nahm das frische Bier von der Kellnerin entgegen und leerte es in einem Zug zur Hälfte.

»Am nächsten Morgen war sie weg. Erst war die Mailbox ausgeschaltet, und zwei Tage später bekam ich die Ansage, die Rufnummer wäre nicht vergeben. Über Festnetz konnte ich sie nicht erreichen, und auf meine Briefe hat sie nicht reagiert.«

»Und um ihr hinterherzurennen warst du zu stolz«, vermutete Simon.

Ich nickte. »Vielleicht hätte ich es tun sollen.«

»Quatsch«, entgegnete er aufgebracht. »Das denkst du jetzt im Rückblick.«

»Und warum hat sie es dir jetzt gesagt?«, fragte Ralf ruhig.

Ich rieb mit beiden Händen fest über mein Gesicht.

»Er ist todkrank. Wenn er keine Spenderniere bekommt, stirbt er früher oder später.«

Bewegung entstand um den Tisch herum, als meine Worte sie trafen.

»Scheiße«, murmelte Ralf, und Mark schüttelte nur den Kopf.

»Also will sie ein Pfund Fleisch von dir«, stellte Simon fest.

»Erzähl mir nicht, du würdest dich für Max nicht sofort aufschneiden lassen«, erwiderte ich.

Er sah mich grimmig an. »Aber wie sie mit dir umgeht ist unter aller Sau.«

»Bist du sicher, dass er dein Sohn ist?«, fragte Mark zögernd.

»Ganz sicher. Ihr habt ihn nicht gesehen.«

Simon stand unvermittelt auf. »War’s das, was du uns sagen wolltest?«

Ralfs Augenbrauen zogen sich zusammen. »Simon …«

Simon unterbrach ihn mit hochgehaltener Hand, dann ging er zur Bar. Kurze Zeit später kam er mit einer Flasche Klarem und einem Glas zurück, die er vor mich auf den Tisch stellte.

»Dann nutz es aus, dass das Zeug bei dir eine Wirkung hat. Oder hast du morgen Dienst?«

Ich schüttelte den Kopf und betrachtete die Flasche skeptisch. »Dieses Wochenende habe ich frei. Aber ich bin nicht sicher, ob das so eine gute Idee ist.«

»Keine Sorge«, entgegnete Simon. »Wir bringen dich schon nach Hause.«

Ich kippte das erste Glas und goss mir das nächste ein.

* * *

Sehr viel später an dem Abend lud Simon mich bei mir zu Hause ab und begleitete mich bis zur Haustür.

Ich war so betrunken, dass ich Probleme hatte, den Schlüssel ins Schloss zu stecken, aber sprechen konnte ich noch. Einigermaßen.

»Johannes«, verkündigte ich ihm. »Mein Sohn.«

»Ja, ich weiß«, entgegnete er mit ungewohnter Geduld.

»Marie«, sagte ich.

»Meine Frau.«

Damals

Es dämmerte an diesem späten Oktobernachmittag kurz vor achtzehn Uhr. Vor einer guten halben Stunde war die Sonne untergegangen, und Fackeln leuchteten durch die zunehmende Dunkelheit, als Stefan und Marie auf das Backstein-Tor zugingen, das im Mittelalter das Westtor des Örtchens Alt-Kaster gewesen war.

»Was ist denn hier los?«, kicherte Marie, als sie die Gestalten sah, die mit schauerlicher Maske und langem Umhang umhersprangen.

Stefan senkte den Kopf und blickte sie lächelnd an. »Willkommen zum Halloween-Spaziergang auf dem Werwolf-Wanderweg.«

»Wwwerwwwolf-Wwwanderwwweg?«, fragte sie, die vier ›Ws‹ in die Länge ziehend.

»Wwwirklich wwwunderbar.«

Er lachte und legte den Arm um sie. »Kasper.«

Sie gesellten sich zu der wartenden Gruppe hinzu.

Der Werwolf-Wanderweg führte einmal um Alt-Kaster herum und bot an sieben Stationen Hinweistafeln mit Informationen aus dem Leben von Peter Stubbe, komplett mit Holzschnitten aus der damaligen Zeit.

Peter Stubbe, einem Bauern und Hirten, der bei seinen Nachbarn als Außenseiter gegolten hatte, waren zahlreiche Morde und andere Gräueltaten vorgeworfen worden, die er in der Gestalt eines Werwolfs begangen haben sollte.

Über den Wolfgangstieg, wo Stubbe sein Unwesen getrieben haben sollte, und an seinem Geburts- und Wohnort vorbei wanderte die Gruppe entlang des Kasterer Sees und hörte davon, wie man Jagd auf den vermeintlichen Werwolf gemacht hatte, bis er endlich gefangen und im Bedburger Rathaus vor Gericht gestellt worden war.

Stefan griff nach Maries Hand, als sie dem Bericht lauschten, wie Stubbe unter der Folter die Taten gestanden hatte und am 31.10.1589 auf bestialische Weise öffentlich hingerichtet worden war.

Stefan war mit dieser Geschichte groß geworden. Stubbes Fall war der bekannteste Werwolfprozess und wurde im Rudel als Warnung dafür benutzt, was geschehen konnte, falls Außenstehende von seiner Existenz erfuhren.

Nach etwa eineinhalb Stunden waren sie wieder am Agatha-Tor angekommen, ihrem Ausgangspunkt.

»Gruselig«, sagte Marie, während sich die Teilnehmer verstreuten. »War eine super Idee von dir, herzukommen.«

Sie hakte sich bei ihm ein und strahlte ihn an. »Sollen wir gucken, ob wir hier ein schönes Restaurant finden?«

Er schüttelte lächelnd den Kopf. »Ich habe gekocht. Zu Hause steht schon alles parat und muss nur noch wieder aufgewärmt werden.«

»Noch besser! Was gibt es denn?«

»Eine Überraschung.« Noch wollte er ihr nicht sagen, dass er alle Register gezogen hatte, weil es ein Festessen werden würde. Vorher gab es noch etwas, worüber er mit ihr sprechen wollte – und die heutige Wanderung war der perfekte Aufhänger dafür.

Sie gingen langsam in Richtung des Parkplatzes, doch nach wenigen Metern hielt er unter einer Straßenlaterne an.

»Es gibt etwas, das ich dir schon lange hätte sagen sollen«, begann er, und dann stockte er, bevor er neu ansetzte.

»Peter Stubbe ist vermutlich kein echter Werwolf gewesen, aber …«

»Vermutlich?«, unterbrach Marie ihn erheitert.

»… aber das heißt nicht, dass es keine Werwölfe gibt.«

Sie sah ihn wortlos an.

Verdammt, er hatte vollkommen schiefgelegen. Es war eine Schnapsidee gewesen, es ihr ausgerechnet an Halloween zu erzählen.

»Es gibt allein in Deutschland ein gutes halbes Dutzend Rudel, und ich wurde in eins davon geboren.«

Noch immer sagte sie nichts.

»Ich bin ein Werwolf, Marie. Ich trage das Wolfsgen in mir, aber weil es rezessiv ist und meine Mutter ein normaler Mensch ist, kann ich mich nicht wandeln.«

Endlich sprach sie, und ihre Stimme klang gedrückt. »Du willst mir erzählen, dass du ein Werwolf bist.«

Er holte tief Luft, dann nickte er. »Ja.«

Ihr Blick hing an seinem Gesicht, und sie sah ihn an, als versuche sie, seine Gedanken zu lesen. Langsam füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sein Herz stockte.

Er streckte seine Hand aus, um ihre Haare zurückzustreichen. »Marie.«

Sie wich zurück, bevor er sie berühren konnte, und dann wirbelte sie auf dem Absatz herum und rannte Richtung Parkplatz.

Er erwachte aus seiner Starre und folgte ihr.

»Marie!«

Er hörte ihr Schluchzen, als sie die Tür aufriss und in den Wagen sprang. Sie gab Gas, bevor er das Auto erreicht hatte.

Als die Rücklichter längst nicht mehr zu sehen waren, starrte Stefan noch immer dorthin, wo sie in der Dunkelheit verschwunden waren. Seine linke Hand umklammerte den Verlobungsring in seiner Tasche.