Wie von Sinnen rannte sie durch die mondhelle Dezembernacht. Wolken zogen über den Himmel, und geisterhafte Schatten folgten ihr über die unberührte weiße Decke, die sich über die Landschaft breitete.
Ihre Füße versanken tief im Schnee, doch der Hass in ihrer Brust loderte so heiß, dass sie die Kälte nicht spürte. Ihr Keuchen klang laut in ihren Ohren, das einzige Geräusch, das die Stille der Nacht durchbrach.
Ihr Atem sammelte sich um sie, als sie stehen blieb, und machte sie zu einem Phantom in der Weite der Landschaft. Zusammenhanglos zogen die Bilder der vergangenen Stunden durch ihren Geist, und sie hatte den Geruch von Blut und Tod noch in der Nase.
Er hatte ihr den Mittelpunkt ihres Lebens genommen, und der Schmerz war unerträglich. Sie warf den Kopf in den Nacken und stieß einen langgezogenen Klagelaut aus.
Und wenn es Jahre dauerte – er würde bezahlen. Mit der Person, die er am meisten liebte. Und dann mit seinem Leben.
Der Kunde beugte sich vor und roch an der Kerze. Ich sah, wie er zurückfuhr, und runzelte leicht die Stirn, bevor ich innerlich mit den Achseln zuckte. Meiner Ansicht nach war der Duft dieser Kerze eher sanft, aber Männer hatten ja grundsätzlich weniger ein Faible für Duftkerzen.
Ich wandte meine Aufmerksamkeit wieder den beiden anderen Kunden in meinem Laden zu: ein gestyltes Pärchen, das seit einer geschlagenen halben Stunde an den Tischen entlangstrich und sich nicht entscheiden konnte, was es kaufen wollte. Und ob es überhaupt etwas kaufen wollte.
Ich seufzte und trat an das breite Schaufenster, auf dem in großen Buchstaben der Name meines Ladens stand: ›Laden an der Landstraße‹. Vielleicht nicht die originellste Bezeichnung, die je vergeben wurde, aber auf jeden Fall eingängig. Und in meinen Augen besser als ›Leas Laden‹. Oder gar ›Lea’s Laden‹.
Der kleine Parkplatz vor dem Laden lag jetzt am Nachmittag in der Sonne, die schon seit Tagen von einem wolkenlosen Himmel herabschien und die Temperaturen stetig weiter in die Höhe getrieben hatte. Der schicke schwarze BMW, in dem das Kundenpärchen vorgefahren war, würde vermutlich … Ich kniff die Augen zusammen. Auf der Rückbank des BMWs hatte sich etwas bewegt.
Was zum Teufel?
Ich fuhr herum und ging rüber zu den beiden. Sie sah ungehalten auf, als ich herankam. »Wir schauen uns noch –«
»Haben Sie einen Hund im Auto?«, unterbrach ich sie.
Sie blickte verblüfft zu ihrem Begleiter. »Ja, warum?«
»Weil Sie dann jetzt sofort gehen und ihn hierher ins Kühle holen, bevor er an einem Hitzschlag stirbt. Sie können natürlich auch den Laden verlassen und wegfahren. Ich gehe davon aus, dass Sie die Klimaanlage laufen lassen, wenn Sie selbst im Auto sitzen.«
Ich baute mich vor den beiden auf und verschränkte die Arme. »Oder ich rufe die Polizei.«
»Das ist doch wohl nicht Ihr Ernst«, fuhr er auf. »Was geht es Sie an, wenn –«
Ich zog mein Smartphone aus der Tasche und begann zu tippen. »Eins, eins –«
Er nahm seiner Begleiterin den bemalten Teller aus der Hand und hob ihn mit zwei Fingern vor meinem Gesicht hoch. Langsam öffnete er seinen Griff und ließ den Teller auf den Boden fallen, wo er klirrend zersprang.
»Sie können mich mal am Arsch lecken«, sagte er, griff nach ihrem Arm und zog sie hinter sich her aus dem Laden. Ich folgte ihnen bis zur Tür und beobachtete, wie sie in den Wagen stiegen und davonfuhren.
Kochend vor Wut schlug ich mit der flachen Hand gegen den Türrahmen. Dann fuhr ich herum und ging hinter die Verkaufstheke, um Handfeger und Kehrblech zu holen. Theodor, mein schwarzer Labrador, stand auf und steckte die Nase in meine Hand.
»Ist gut, Theo.« Ich kraulte ihn unterm Kinn. »Bleib hier, bis ich die Scherben weggeräumt habe.«
Als ich wieder hinter der Theke hervorkam, fiel mein Blick auf meinen anderen Kunden, den ich in meiner Wut völlig vergessen hatte. Er stand noch immer bei den Kerzen und betrachtete mich mit einem durchdringenden Blick.
Ich hob die Schultern. »Ich entschuldige mich für die Szene. Keine Sorge, ich werfe nicht alle meine Kunden so aus dem Laden.«
Er lächelte schwach, bevor er nach der Kerze griff und zu mir herüberkam.
»Ich bin froh, dass Sie es in diesem Fall getan haben.« Er stellte die Kerze auf die Theke und schaute über sie hinweg zu Theo hinab. Ich sah, wie er die Augenbrauen hob, und folgte seinem Blick. Mein ruhiger, schon fast phlegmatischer Theo, der typische Labrador, den so schnell nichts aus der Ruhe bringen konnte, hatte die Lefzen zurückgezogen und starrte den Mann neben mir mit krauser Nase und aufgestelltem Nackenfell an.
»Was ist denn hier heute los? Theo, entspann dich.«
Ich drehte mich zu meinem Kunden um und legte den Handfeger beiseite. »Es tut mir leid. Lassen Sie mich eben kassieren, dann können Sie diesem Irrenhaus entfliehen.«
Er zuckte die Achseln. »Kein Problem. Könnten Sie mir die Kerze wohl trotzdem als Geschenk einpacken?«
»Gerne.« Ich griff zu dem Geschenkpapier und den bunten Bändern, die neben der Kasse bereitlagen. »Neutral oder floral?«
»Hm? Oh … Floral.« Er wies auf die Brust seines erdverschmierten T‑Shirts, und sein plötzliches Lächeln war voller Charme. »Passt besser, finden Sie nicht auch?«
Ich warf einen Blick auf das Logo, das stilisiert einen einzelnen Baum hinter einem bunten Blumenbeet zeigte. Darunter stand ›Bracht Garten‑ und Landschaftsbau‹.
»Sie sind Gärtner?« Ich nickte und griff nach dem geblümten Papier. »Dann definitiv das hier.«
Um den Eindruck, den er von mir bekommen haben musste, wieder etwas gutzumachen, gab ich mir besondere Mühe beim Einpacken. Ich überreichte ihm das hübsch verzierte Päckchen, bevor ich den Kaufbetrag kassierte.
Er bedankte sich und ging hinaus zum Parkplatz, wo ich ihn in einen weißen Lieferwagen mit demselben Logo wie auf seinem T‑Shirt steigen sah.
Ich machte mich daran, die Scherben zusammenzufegen und fragte mich mal wieder, was mich geritten hatte, einen Laden aufzumachen.
* * *
Zwei Tage später war ich dabei, neu einsortierte Ware mit Preisschildchen zu versehen, als die kleine Glocke am Türrahmen das Eintreten eines Kunden meldete.
Ich sah auf und lächelte. Obwohl er heute sozusagen in Zivil gekleidet war – Jeans und ein blau-weiß kariertes Hemd mit kurzen Ärmeln – hatte ich ihn auf Anhieb wiedererkannt.
»Dass Sie sich aber nochmal hertrauen.«
»Ich habe keinen Hund im Auto.« Er kam zu mir herüber und hielt mir einen Strauß Blumen unter die Nase.
Automatisch nahm ich sie entgegen. »Für mich? Warum?«
»Für Ihre Courage gegenüber den beiden Vollidioten. Und als Ausgleich für den kaputten Teller.«
Er nickte zu dem niedrigen Stapel von Tellern hinüber, die dasselbe Motiv zeigten wie der vorgestern zerstörte. Einen Blumenstrauß, der identisch mit dem war, den ich in der Hand hielt, wie ich verblüfft feststellte. Wie hatte er das auf die Entfernung erkennen können?
»Sie haben offensichtlich ein Auge fürs Detail. Vielen Dank!«
Er zuckte nur die Achseln. Dann drehte er sich halb zum Tresen um. »Bin schon wieder weg, Theo.«
Er nickte mir zu und verließ ohne ein weiteres Wort den Laden.
* * *
»Wenn ich’s dir sage, Saskia.« Ich rückte mein Headset zurecht und sah in die Webcam. »Er hat mir die Blumen in die Hand gedrückt und ist ohne ein weiteres Wort gegangen.«
Ich grinste. »Nicht ganz. Er hat sich von Theo verabschiedet.«
In dem kleinen Videofenster sah ich Saskia ihre Augen rollen. »Na klar. Er redet nicht mit dir, aber mit deinem Hund.«
Ich nickte zustimmend und gab den Namen der Landschaftsgärtnerei, wo der mysteriöse Fremde arbeitete, im Browser ein.
»Treffer.«
»Surfst du wieder parallel?« Saskia verzog in gespielter Empörung das Gesicht. »Deine Eltern haben dich schlecht erzogen, weißt du das?«
»Das hast du dir ganz allein selbst zuzuschreiben«, gab ich ungerührt zurück, während ich die Informationen auf der Website überflog. »Wer musste denn unbedingt nach Berlin ziehen? Wärst du hiergeblieben, säßen wir jetzt mit einer Pizza am Küchentisch und du hättest meine volle Aufmerksamkeit. Der Mister Misterioso heißt übrigens Mark Bracht und ist der Inhaber des Unternehmens.«
Ich kopierte ihr die URL in den Chat.
»Sieh ihn dir selbst an. Unter ›Team‹ ist ein Foto von ihm.«
Während ich auf ihre Reaktion wartete, betrachtete ich den Blumenstrauß neben mir auf dem Esstisch. Ich hatte ihn nach Ladenschluss mit nach oben genommen, um möglichst viel davon zu haben. Es war ein prachtvolles Arrangement aus Rosen, Glockenblumen und ein paar anderen, deren Namen ich nicht kannte.
»Heeey«, sagte Saskia, die offensichtlich gerade das Foto gefunden hatte. »Nicht schlecht. Wie groß?«
Ich überlegte. »Größer als ich. Haha. Vielleicht einen Kopf größer?«
»Also groß, dunkel und … hm, vielleicht nicht klassisch gut aussehend, aber zumindest sehr interessant.«
»Interessant ist besser als gut aussehend.«
»Besser als ein gelackter Anzugträger wie Alex, meinst du?«
Ich zog eine Grimasse. Saskia hatte aus ihrer Abneigung gegenüber Alex nie ein Geheimnis gemacht. Selbst bevor ich mich von ihm getrennt hatte.
Ich klickte mich einmal quer durchs Menü der Website, bis ich zum Punkt ›Sonstiges‹ kam. Statt einer Übersicht über ergänzende Dienstleistungen oder etwas in der Art fand ich mich auf einer Seite mit Informationen zu Naturschutzgebieten in der näheren Umgebung wieder. Interessiert scrollte ich durch die Inhalte.
»Hast du die Infos unter ›Sonstiges‹ gesehen? Offensichtlich ist er im Naturschutz aktiv und bietet Wanderungen an. Eine Waldwanderung bei Nacht.«
Ich blendete den Kalender ein. »Nächsten Samstag.«
Drei freie Plätze wurden angezeigt. Kurzentschlossen klickte ich auf den ›Hier anmelden‹-Link und trug meine Kontaktdaten in das Formular ein.
›Herzlichen Glückwunsch. Ihre Anmeldung war erfolgreich. Wir freuen uns auf Ihre Teilnahme.‹ stand auf dem Bildschirm, und die Anzahl der freien Plätze hatte sich auf zwei reduziert.
»So, angemeldet.«
»Was?« Saskia lachte. »Du bist doch sonst nicht so spontan. Offensichtlich ist dein GaLaBauer nicht ganz ohne.«
Ich lächelte in die Kamera und lehnte mich in meinem Stuhl zurück. »Genug von mir. Was hast du denn diese Woche so gemacht?«
* * *
Ich fuhr auf den kleinen Parkplatz am Waldrand, der als Treffpunkt für die Nachtwanderung diente. Irgendwo in meinem alten Möhrchen klapperte es, als ich über den groben Schotter rollte. Mit einer leichten Jacke über dem Arm und meinem Rucksack über der Schulter ging ich zu der kleinen Gruppe in der Nähe des Rastplatz-Schildes. Ich hatte Mark sofort erkannt, obwohl er mir den Rücken zuwandte.
Ich war noch einige Meter von ihm entfernt, als er plötzlich seine Unterhaltung mit zwei anderen Teilnehmern unterbrach, den Kopf drehte und mich ansah.
Mit einer kurzen Entschuldigung ließ er seine bisherigen Gesprächspartner stehen und ging auf mich zu. »Lea, richtig? Schön, dass du da bist.«
Ich wich seinem direkten Blick aus, plötzlich verlegen. »Ich bin gespannt, was wir zu sehen bekommen.«
Er nickte, dann sah er zu einem Auto hin, das gerade auf den Parkplatz einbog. »Damit sind wir komplett.«
Er lud mich mit einer Kopfbewegung ein, ihm zu den anderen zu folgen und wartete, bis auch die Neuankömmlinge zu uns gestoßen waren.
»Willkommen«, begann er dann. »Wenn es euch recht ist, duzen wir uns. Ich bin Mark, wie ihr ja wahrscheinlich schon wisst.«
Er wartete ab, bis alle ihren Namen gemurmelt hatten, dann fuhr er fort: »In den nächsten eineinhalb bis zwei Stunden werden wir gemeinsam durch den Wald gehen. Wir bleiben dabei immer auf den Wegen. Wenn ihr eine Taschenlampe dabeihabt und euch damit sicherer fühlt, könnt ihr sie gern anmachen. Die Atmosphäre kommt aber bei möglichst wenig Licht am besten rüber. Ich werde auf jeden Fall eine Lampe benutzen und gehe voran. Da heute keine Kinder in der Gruppe sind, ist jeder selbst dafür verantwortlich, dass er nicht verlorengeht.«
Er zog eine stabile Lampe aus einer Tasche seiner Cargoshorts. »Los geht’s. Wenn ihr Fragen habt, immer her damit.«
Wir folgten ihm im Gänsemarsch in den Wald. Außer ihm hatte nur noch eine der Frauen ihre Lampe eingeschaltet, sodass wir von zwei wabernden Lichtflecken begleitet wurden, die über den nach längerer Trockenheit harten Boden des Pfades, das angrenzende Unterholz und die Zweige über uns huschten. Mehr als einmal zuckte ich zusammen, als etwas unvermittelt meine Haare streifte.
»Gibt es hier Fledermäuse, oder werde ich von den Bäumen betatscht?«, wollte einer der Männer wissen.
»Sowohl als auch.« Mark ging ruhig weiter. »Fledermäuse leben und jagen gern im Wald oder in der Nähe davon. Aber keine von ihnen hat es auf unsere Haare abgesehen.«
»Ich habe gehört, dass es Geräte gibt, mit denen Fledermausrufe für menschliche Ohren hörbar gemacht werden?«, fragte eine der Frauen.
»Das ist richtig. Aber auch ohne technische Hilfe können wir manche ihrer Rufe hören. Nicht, wenn sie auf der Jagd sind, aber wenn sie Smalltalk machen. Je jünger jemand ist, desto besser hört er die hohen Frequenzen. Fragt mal eure Kinder, falls ihr welche habt.«
Er sah hoch in die Baumkronen, und ein flüchtiges Lächeln ging über sein Gesicht. »Manchmal ist es besser, wenn man nicht so viel von dem Geschrei mitbekommt.«
»Kann es sein, dass wir Tiere zu Gesicht bekommen?«, wandte ich mich an ihn. »Oder nimmt alles Reißaus, sobald es uns hört?«
»Nicht alles.« Der Strahl seiner Taschenlampe schwenkte hoch und traf zielsicher eine Eule, die uns aus einer Astgabel heraus beäugte.
»Ein Waldkauz. Ein paar Eulenrufe werden wir sicher noch zu hören bekommen, vielleicht sogar einen Uhu.«
Er ging ein Stück weiter, dann traf der Lampenschein einen Igel, der einige Meter vom Pfad entfernt unterwegs war.
»Was ist mit Wildschweinen?«, fragte einer der Männer.
»Nicht, wenn wir Glück haben.« Mark drehte sich halb zur Gruppe um und grinste. Ich schnappte nach Luft. Er hob fragend die Augenbrauen, und ich lachte etwas verlegen und schloss zu ihm auf.
»Deine Augen haben das Licht der Lampe hinter uns reflektiert«, erklärte ich ihm. »Ich kenne das von meinem Hund, aber bei einem Menschen habe ich es noch nie gesehen.«
Ich lächelte vor mich hin. »Mein Bruder hatte als kleines Kind eine Zeitlang Angst vor unserem Dackel, weil er gesehen hatte, wie dessen Augen im Licht leuchteten. Und weil er panische Angst vor Wölfen hatte, nachdem ihm unser Opa gruselige Geschichten erzählt hatte.«
»Angst vor Wölfen?« Ich hörte die Belustigung in seiner Stimme. »Hat sich das irgendwann gelegt?«
»Offensichtlich. Ein paar Jahre später wollte er unbedingt Förster werden.«
»Und was macht er jetzt?«
»Er ist IT-Profi.«
»Ein Karriereknick?«
Ich lachte. »Er ist immer noch gern in der Natur unterwegs, vor allem, um Vögel zu fotografieren.«
Eine Weile schwiegen alle, und nur das Rascheln unserer Kleidung und das Knacken und Knistern von Ästchen und Laub unter unseren Füßen waren zu hören. Ich atmete tief die nachtkühle, aromatische Waldluft ein und sah hinauf zu den Sternen, die zwischen den Baumwipfeln zu erkennen waren.
Aus großer Entfernung war der typische Ruf eines Uhus zu vernehmen.
»Da ist er ja«, sagte Mark und blieb stehen. Die Gruppe hielt ebenfalls an und lauschte in der Stille auf die klagenden Rufe.
»Gibt es viele Uhus in der Gegend?«, fragte jemand.
»Nicht viele, nein. Soweit ich weiß, gibt es zwei Brutpaare in der Nähe, die in den meisten Jahren auch je mindestens ein Junges großbekommen. Die Jungen suchen sich dann ein neues Revier, sobald sie flügge sind.«
»Wo brüten sie?«
»Das ist ein Geheimnis.« Mark lächelte. »Tut mir leid, aber das darf ich meinen Wandergruppen wirklich nicht erzählen. Dazu sind sie zu selten und zu anfällig für Störungen.«
Wir gingen weiter und hörten noch andere Eulenrufe, die Mark als die von Waldkäuzen identifizierte.
»Hier in der Nähe gibt es einen Dachsbau«, sagte er einige Minuten später und zeigte uns kurz darauf ein Loch in einer Böschung.
»Das ist aber groß«, meinte jemand.
»So ein Dachs ist auch nicht gerade klein. Sie können eine Körperlänge von knapp neunzig Zentimetern erreichen und im Herbst über zwanzig Kilo wiegen, wenn sie sich für den Winter Fettreserven angefressen haben«, sagte Mark.
»Dachsbaue können riesig sein und mehrere Meter in die Tiefe gehen. Sie werden zum Teil über Jahrzehnte hinweg immer weiter ausgebaut.«
Während wir weitergingen, fragte ich mich, wie viele Augen uns wohl aus der Dunkelheit heraus folgten und wie viele Tiere erleichtert aufatmeten, wenn wir endlich wieder verschwunden waren.
Nach gut eineinhalb Stunden standen wir unvermittelt wieder auf dem Rastplatz.
»Da sind wir wieder. Ich hoffe, es hat sich für alle gelohnt und wünsche euch noch einen schönen Abend«, sagte Mark.
Ich verstaute meinen Rucksack im Auto und trödelte bewusst etwas herum, bis die anderen Teilnehmer den Parkplatz verlassen hatten. Wie ich gehofft hatte, kam Mark zu mir herüber.
»Hat es dir gefallen?«, fragte er, und ich nickte.
»Es war ein Erlebnis. Ich bin sehr gern draußen und gehe mit meinem Hund oft im Wald spazieren, aber nachts waren wir noch nie unterwegs.«
Einige Augenblicke lang standen wir nebeneinander, ohne dass ein Wort gesprochen wurde. Von der Seite her fiel der schwache Schein der einsamen Straßenlaterne auf Marks Gesicht und veränderte es so, dass ich in ihm kaum den Mann erkannte, der bei Sonnenschein in meinen Laden gekommen war. Etwas spät wurde mir bewusst, dass ich nachts mit einem fast Fremden auf einem einsamen Parkplatz im Wald stand.
Ich hörte, wie er tief einatmete. »Du brauchst keine Angst zu haben«, sagte er dann leise. »Hier gibt es nichts, was dir etwas tun würde.«
»Ich habe keine Angst«, behauptete ich.
Er neigte den Kopf und schwieg. Er schien mit sich zu ringen, bevor er erneut sprach.
»Wenn du die Natur magst, hättest du vielleicht Lust, dir den Schaugarten in meiner Firma mal anzusehen?«, fragte er. »Jetzt im Sommer ist er besonders schön«, setzte er schnell hinzu, als wollte er mich überzeugen.
»Sehr gerne!«, sagte ich sofort. »Die Adresse kenne ich aus dem Internet. Wäre Montag am frühen Abend möglich, nachdem ich meinen Laden geschlossen habe?«
»Ja klar. Bis Montag dann also.« Er ging zu seinem Auto, und ich stieg in meines und fuhr davon, ein breites Lächeln auf meinem Gesicht.