Die einzigen Geräusche waren das Knarzen ihrer Stiefel im frisch gefallenen Schnee und ihr gleichmäßiges Luftholen. In der schneidenden Kälte kondensierte ihr Atem und umgab ihren Kopf in einer dichten Wolke. Ein paar Meter vor ihr rannte Tai lautlos wie ein schwarzer Geist durch die weiße Landschaft.
Ihr Gesicht, der einzige Teil von ihr, der nicht durch mindestens eine dicke Lage gegen die eisigen Temperaturen isoliert war, prickelte, und sie blinzelte gegen die Tränen an, die ihr der Wind in die Augen trieb. Sie fühlte sich wunderbar.
Sie hielt inne, hob den Kopf und sah zwischen den starren, schwarzen Ästen hindurch in den blassgrauen Himmel. In wenigen Minuten würde die Dämmerung einsetzen. Zeit, zur Hütte zurückzukehren.
Doch vorher stand sie noch einen Augenblick da und genoss die nun absolute Stille. Bis diese Stille jäh von lautem, stakkatohaftem Bellen zerrissen wurde.
»Tai? Tai!« Ihr erster Impuls war es, den Hund zu sich zu rufen – aber wenn er so anschlug, musste er etwas entdeckt haben. Unsicher, ob Tai in Gefahr war, beschleunigte sie ihre Schritte. Ein Luchs oder gar ein Wildschwein konnten selbst einem ausgewachsenen Labrador richtig Ärger machen.
Als sie näherkam, sah sie Tai vor einem schneebedeckten Busch stehen, die Rute steil aufgerichtet. Er verstummte und sah sich kurz nach ihr um, bevor sich seine Aufmerksamkeit wieder nach vorn richtete.
Noch immer konnte sie nicht genau erkennen, was sich dort versteckte, doch es schien etwas Großes zu sein – zu groß für ein Tier, oder? Zögernd näherte sie sich noch ein paar Schritte, und dann sah sie ihn.
Es war ein Mann, der dort unter den Zweigen kauerte. Und in seinem Gesicht stand mehr Furcht, als sie je bei einem Menschen gesehen hatte.
»Tai, back«, befahl sie, und als der Labrador neben ihr stand, griff sie demonstrativ in sein Halsband, um ihr Gegenüber zu beruhigen. Es war nicht jedermanns Sache, sich unvermittelt Auge in Auge mit einem massigen schwarzen Hund zu sehen. Doch als sie ihren Blick wieder dem Fremden zuwandte, stockte ihr der Atem: Die nackte Angst, die sich in seinem Gesicht zeigte, galt nicht dem Hund. Sie galt ihr.
Sie stand regungslos, unsicher, was sie tun oder sagen sollte. Schließlich ging sie ein Stück von ihm entfernt in die Hocke und begann, mit sanfter Stimme zu sprechen.
»Es ist alles in Ordnung. Ich werde Ihnen nichts tun. Ich möchte Ihnen helfen.«
Er antwortete nicht. Konnte er sie überhaupt verstehen? War er geistig verwirrt? War er ein Flüchtling, der Streit mit seinen Schleppern bekommen hatte?
Sie musterte ihn genauer. Er war etwa in ihrem Alter, Mitte dreißig, und trug Winterkleidung, aber nichts, was bei den aktuellen Temperaturen für einen längeren Aufenthalt im Freien ausreichend gewesen wäre. Sein Gesicht war blass, fast bläulich im Schatten der Zweige über ihm, und er sah aus, als hätte er sich einige Tage nicht rasiert.
Ohne viel Hoffnung zog sie ihr Handy aus der Tasche, aber natürlich hatte sie keinen Empfang.
»Sie können nicht hierbleiben«, wandte sie sich wieder an ihn. »Sie müssen ins Warme.«
Ohne sich zu erheben, bewegte sie sich langsam auf ihn zu. Er verharrte regungslos, nur sein Kopf neigte sich minimal nach hinten und zur Seite. Als sie bei ihm war, zog sie den Handschuh aus und berührte ihn an der Wange. Seine Haut war eiskalt.
»Wie lange hocken Sie schon hier draußen?«
Noch immer sagte er nichts, aber unvermittelt lehnte er die Wange in ihre Handfläche, als hätte das Verlangen nach Wärme für einen Moment über die Angst gesiegt. Die stumme Geste schnitt ihr ins Herz.
»Kommen Sie.« Entschlossen, aber mit vorsichtigen Bewegungen stand sie auf und hielt ihm ihre Hand entgegen. Er rührte sich nicht.
»Nehmen Sie meine Hand!« Dem befehlenden Ton folgend streckte er langsam seinen eigenen Arm aus und griff zu. Taumelnd kam er mit ihrer Unterstützung auf die Füße.
»Gut so. Kommen Sie.« Sie hakte sich bei ihm ein und stützte ihn auf den ersten Metern, bis sich die Starre seiner Beine gelöst hatte. Auch danach behielt sie den Körperkontakt bei, halb damit rechnend, dass er die Flucht ergreifen würde.
»Ich habe eine Hütte in der Nähe. Dort wärmen wir Sie auf. Leider bin ich im Moment von der Außenwelt abgeschnitten, wegen des Schneefalls in den letzten Tagen. Das passiert hier in der Eifel schon mal. Wissen Sie, dass wir hier in der Eifel sind?«
Ohne eine Antwort zu erwarten, redete sie mit ruhiger Stimme weiter, erzählte ihm von sich und Tai, von der Hütte und den Problemen, die der ungewöhnlich harte Winter in diesem Jahr verursachte. Sie atmete auf, als sie endlich ihr Ziel erreicht hatten.
»Da sind wir. Gleich wird es wärmer.«
Sie öffnete die Tür und schob ihn vor sich her ins Innere. Sie wartete, bis Tai sich den Schnee aus dem Fell geschüttelt hatte und ihnen gefolgt war. Dann schloss sie die Tür wieder und drehte sich zu dem Fremden um.
Sie streckte die Hände nach ihm aus, um den Reißverschluss seiner Jacke zu öffnen, und er zuckte zurück, als hätte sie ihn geschlagen. Sie erstarrte.
»Ich will Ihnen nur die Jacke ausziehen. Sehen Sie?« Mit langsamen Bewegungen streifte sie ihre eigene Jacke ab und legte sie auf den Boden, bevor sie erneut nach seiner griff. Sein Kopf sank herab, und die Anspannung in seinem Körper löste sich. Doch sein Gesicht zeigte nicht Entspannung, sondern die Akzeptanz des Unausweichlichen.
Mitleid erfüllte sie und klang in ihrer Stimme mit. »Sehr gut. So, jetzt noch die Schuhe.« Sie kniete sich nieder und löste seine Schnürsenkel, sodass sie ihm die Stiefel von den Füßen ziehen konnte.
»Jetzt gehen wir ins Badezimmer. Kommen Sie.«
In dem kleinen Bad stellte sie ihn auf den Duschvorleger und begann, ihn auszuziehen.
»Sie brauchen eine warme Dusche, um aufzutauen. Aber nicht zu warm, das ist nicht gut bei Erfrierungen.«
Sie knöpfte seine Hose auf, und sein Körper spannte sich an. Sein Atem kam schnell und flach, und einen Augenblick lang dachte sie, er reagiere auf ihre Nähe und die intime Situation.
Dann sah sie hoch. Sein Gesicht war eine starre Maske und die Augen fest geschlossen. Er hatte Angst. Lähmende, grauenvolle Angst.
Unwillkürlich trat sie einen Schritt zurück. Aber was sollte sie machen? Sie konnte ihn nicht so hier stehen lassen. Wenn sie ihm helfen wollte, musste sie ihn berühren. Entschlossen kam sie wieder näher und zog ihm vorsichtig seinen Pullover und das langärmelige T-Shirt darunter über den Kopf.
»Oh Gott. Was ist denn mit Ihnen passiert?«
Dunkelrote bis blaue Blutergüsse und Schwellungen bedeckten seinen Oberkörper. Entsetzt glitten ihre Augen von einem Mal zum anderen. Dann sah sie die Einstichstellen an seinen Armen und holte scharf Luft. Das war ein Anblick, mit dem sie leider nur zu vertraut war. War er ein Junkie? Aber für einen Drogenabhängigen waren es kaum genug Einstiche, und sie sahen alle etwa gleich alt aus.
Sie streifte seine Hose nach unten und fand auch seine Beine mit blauen Flecken bedeckt. Jemand musste ihn systematisch durch die Mangel gedreht haben. Einer Eingebung folgend richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf seine Unterarme. Breite, wunde Streifen zogen sich um beide Handgelenke. Er war gefesselt gewesen, und er hatte sich gegen diese Fesseln gewehrt.
Als er nackt bis auf die Unterhose vor ihr stand, beugte sie sich in die Dusche und stellte das Wasser an. Ohne Rücksicht darauf, dass der Ärmel ihres Pullis nass wurde, bis sich die Wolle bis zur Schulter vollgesaugt hatte, regelte sie die Temperatur so, dass das Wasser lauwarm war.
Dann drehte sie sich zu dem Fremden um und streckte die Hand aus, um ihm zu zeigen, dass er unter den Strahl treten solle. Er gehorchte mit deutlichem Zögern. Doch als das Wasser auf ihn herabprasselte, gab er einen leisen Laut von sich, und sie sah, wie ein Schauer über seinen Körper lief. Lange Zeit stand er vollkommen reglos, den Kopf gesenkt.
Dann sah er langsam wieder auf, und sein Blick hing an ihr, während das Wasser über sein Gesicht lief. Sie wusste nicht, wie viel Zeit verging, während sie einander in die Augen sahen.
Endlich unterbrach er den Kontakt, als er sich umschaute und nach dem Duschgel griff. Er wusch seine kurzen Haare, dann begann er, sich mit schnellen, energischen Bewegungen einzuseifen. Seine Hände fuhren ohne Rücksichtnahme über die Blutergüsse und Schrammen auf seinem Oberkörper. Dann stießen sie an seine Unterhose, und er hielt inne.
Zeit für einen strategischen Rückzug. Sie nahm Philips Bademantel vom Haken und legte ihn zusammen mit einem der großen Duschhandtücher über den Hocker neben der Dusche.
»Ich lasse Ihnen die Sachen hier. Zahnpasta und eine neue Zahnbürste finden Sie da im Schrank. Ich bin nebenan, falls was ist.«
Sie floh aus dem Bad und zog die Tür hinter sich zu. Im Schlafzimmer zog sie sich um und holte einen von Philips Schlafanzügen und ein paar dicke Socken aus der Kommode, die sie mal für ihn gestrickt und mit ABS-Tupfen versehen hatte. Er hatte sie albern gefunden und nicht ein einziges Mal getragen.
Sie bezog das Bett frisch, dann ging sie in die Küche, zog den Topf mit dem aufgetauten Eintopf aus dem Kühlschrank und stellte ihn auf den Herd. Sie war gerade dabei, Brot aufzuschneiden, als sie hörte, wie der Fremde aus dem Bad kam.
Sie drehte sich um und musterte ihn kritisch. Sein Gesicht hatte die unnatürliche Blässe verloren, und seine Lippen zeigten wieder eine normale Farbe. Seine Haare waren noch feucht und fielen ihm wirr in die Stirn.
Sie nahm Schlafanzug und Socken vom Tisch und gab sie ihm. »Hier, ziehen Sie das an.«
Er nahm die Sachen entgegen, aber sein Blick hing an dem Topf, aus dem der Duft von Hühnerfleisch und Suppengemüse aufstieg. Sein Magen knurrte.
»Sobald Sie sich umgezogen haben, können wir essen.« Sie holte zwei tiefe Teller und Löffel aus dem Schrank, und als sie sich umdrehte, war er verschwunden.
Sie deckte den Tisch, stellte die Suppe auf einen Untersetzer und einen Korb mit den Brotscheiben daneben und goss Mineralwasser in zwei Gläser.
»Setzen Sie sich«, forderte sie ihn auf, als er im Schlafanzug zurück in die Küche kam, den Bademantel weniger eng geschlossen als zuvor. Er gehorchte und wartete, bis sie selbst den Löffel ergriffen hatte, bevor er zu essen begann. Es war nicht zu übersehen, dass er ausgehungert war, aber er schlang nicht, sondern aß schnell und konzentriert.
Tai erhob sich von seinem Kissen in der Zimmerecke und kam näher, um den Unbekannten zu beschnüffeln; dann legte er seinen Kopf auf dessen Oberschenkel. Ohne den Blick von seinem Teller zu wenden, wechselte der Fremde beiläufig den Löffel von der rechten in die linke Hand und aß weiter, während er den Hund streichelte.
Als der Teller leer war, legte er den Löffel hin und leerte das Wasserglas in einem durstigen Zug.
»Mehr?«, fragte sie, und er nickte. Froh über die erste direkte Antwort, die sie von ihm bekommen hatte, lächelte sie ihn an. Seine Augen weiteten sich leicht, aber das war seine einzige Reaktion.
Als er dieses Mal seinen Teller geleert hatte, schüttelte er den Kopf, als sie ihm mehr anbot.
Sie schob ihren eigenen Teller beiseite und verschränkte ihre Hände auf der Tischplatte. »Die Wunden an Ihren Handgelenken sollten verbunden werden. Lassen Sie mich das machen?«
Seine Augen glitten über ihr Gesicht, als suche er nach möglichen Hintergedanken für ihr Angebot. Endlich nickte er und hob die Arme auf den Tisch. Die weiten Ärmel des Bademantels verhüllten seine Handgelenke, und er streifte sie bis zu den Ellbogen zurück.
»Ich bin sofort wieder da.« Sie erhob sich und ging ins Badezimmer, um das Erste-Hilfe-Material zu holen. Wieder am Küchentisch schnitt sie zwei Streifen von der Mullbinden-Rolle ab und bestrich sie mit Wundsalbe.
»Die kommen jetzt direkt auf die Haut«, erklärte sie ihm. »Dann wickle ich noch ein paar Bahnen Mullbinde drum herum, damit es hält.«
Sie tat, wie sie gesagt hatte, und befestigte die Enden der Mullbinde mit je zwei Streifen Fixierpflaster. »Schon fertig.«
Er öffnete den Mund, und seine Zungenspitze fuhr über seine Lippen, aber er schwieg. Einen Moment saßen sie stumm da, dann fragte sie: »Sind Sie müde? Möchten Sie schlafen?«
Er zögerte, dann nickte er und folgte ihr ins Schlafzimmer.
»Wenn Sie wollen, können Sie die Tür einen Spalt offenlassen. Ich schlafe nebenan auf der Couch«, sagte sie. Er stand neben dem Bett, und sie fühlte seine Augen auf sich, als sie aus dem Zimmer ging. Er ließ die Tür offen.
Sie räumte das benutzte Geschirr mit ein paar Handgriffen in die schmale Spülmaschine, bevor sie im Wohnzimmerkamin Holz nachlegte und sich mit einem langgezogenen Seufzer auf die Couch sinken ließ und die weiche Wolldecke über sich zog. Die seelische Anspannung der vergangenen Stunde hatte sie völlig erschöpft.
Tai sprang auf das kurze Ende der Eckcouch, und sie legte die Hand auf seinen Rücken und streichelte ihn. Ihre Augen waren auf das flackernde Feuer gerichtet, aber es war der Fremde, den sie sah – vor allem die Blessuren an seinem Körper. Wer war er, und woher war er gekommen? Wer hatte ihn so zugerichtet? Und was sollte sie mit ihm machen?
Innerlich zuckte sie die Achseln. Solange Telefon und Internet ausgefallen waren, konnte sie keine Hilfe anfordern, und bis die Straßen so weit geräumt waren, dass sie mit ihrem Auto sicher in den nächsten Ort kam, konnte es dauern.
Sie kuschelte sich tiefer in die Decke und rutschte auf der Couch nach unten, sodass ihr Kopf auf dem Kissen ruhte. Es dauerte keine fünf Minuten, bis sie eingeschlafen war.
Irgendwann schreckte sie hoch. Das Feuer war heruntergebrannt und gab nur noch ein letztes Glimmen von sich, und das einzige Licht im Raum kam von der Lampe über der Arbeitsplatte in der Küche. Stille herrschte. Was hatte sie geweckt?
Sie hatte ihre Antwort, als ein Geräusch an ihr Ohr drang. Sie erhob sich, die Decke um ihre Schultern, und ging leise zur Schlafzimmertür hinüber. Der Fremde hatte die Nachttischlampe brennen lassen, sodass sie ihn deutlich sehen konnte. Er schien fest zu schlafen, aber als sie sich gerade wieder zurückziehen wollte, bewegte er sich unruhig und gab erneut einen gequälten Laut von sich.
Es überraschte sie nicht, dass er von Alpträumen geplagt wurde. Unentschlossen stand sie in der Tür, doch schließlich siegte ihr Mitgefühl. In ihre Decke gehüllt legte sie sich neben ihm auf die andere Seite des Doppelbetts und griff nach seiner Hand.
Seine Finger schlossen sich um ihre, und er hielt sie fest, als wäre sie sein Anker in einer kalten, wütenden See. Als sie endlich selbst wieder zur Ruhe kam, war es ihr eigener Schlaf, der unruhig und von wirren Träumen heimgesucht war.
Er endete, als sie ihre Augen öffnete und in ein fremdes Gesicht blickte, wenige Zentimeter von ihrem entfernt.
»Wer bist du?«, fragte der Mann.