Wie viele Stunden waren verstrichen?
Er wusste es nicht. Längst hatte er jedes Zeitgefühl verloren. Das einzige Maß, das ihm blieb, war der Abstand bis zum nächsten mühsamen Atemzug.
Seine Haut war heiß und spannte, und der Schweiß, der anfangs seine Kleidung durchtränkt hatte, war schon lange getrocknet.
Die Sonne prallte in unverminderter Stärke auf die Kiste, und durch das winzige Loch im Deckel fiel ein heller Lichtstrahl in seine Augen.
Er glaubte, mehrfach das Bewusstsein verloren zu haben, aber er war sich nicht sicher. Einmal war er durch das Gefühl von Wasser auf seinem Gesicht aus seinem Dämmerzustand gerissen worden und meinte, den Verstand verloren zu haben. Dann spürte er die Tropfen, die über seine Schläfen rannen, und hob die Hand in dem instinktiven Drang, die Feuchtigkeit aufzufangen. Doch als er die Finger an seine rissigen Lippen führte, waren sie bereits wieder getrocknet.
Von draußen drang Gelächter zu ihm. Im nächsten Moment prasselte Wasser auf das Metall über ihm, und der Klang machte ihn fast wahnsinnig. Hektisch bewegte er sich, soweit es die klaustrophobische Enge zuließ, und tastete nach eindringender Feuchtigkeit. Vergeblich.
Als das Geräusch verstummte, biss er sich heftig in die Hand, um nicht zu schreien. Nicht darum zu betteln, dass sie ihn herausließen.
Die Bewegungen hatten ihn Kraft gekostet, und ihm war übel. Keuchend sog er die stickige Luft ein.
War es Mittag? Nachmittag? Oder vielleicht bald schon Abend? Würden sie ihn dann herausholen? Oder würden sie ihn über Nacht hier drin lassen? Würden sie ihn warten lassen in dem Wissen, dass das gnadenlose Spiel mit dem Sonnenaufgang seine Fortsetzung finden würde?
Er wusste, einen zweiten Tag würde er nicht überleben. Schon jetzt waren seine Atemzüge immer flacher, wurden die Abstände dazwischen immer größer. Es wäre so leicht, aufzugeben. Einfach aufzuhören. Nicht mehr um den nächsten Atemzug zu ringen. Nicht mehr gegen die in ihm aufsteigende Dunkelheit anzukämpfen.
Verdammt wollte er sein, wenn er sich unterkriegen ließ!
Mit voller Absicht drückte er seine Hand gegen das sengende Metall und stöhnte auf, als ihn der Schmerz durchfuhr und ihm das Adrenalin durch den Körper jagte.
Er würde durchhalten. Noch fünf Minuten, noch eine halbe Stunde. Noch bis Sonnenuntergang.
* * *
Ein Geräusch drang in sein Bewusstsein. Er schlug die Augen auf, doch unverminderte Dunkelheit umgab ihn. Endlich war die Nacht angebrochen, und mit Sonnenuntergang waren die Temperaturen gesunken.
Er lebte noch.
Wieder hörte er etwas, ein Scharren dicht über ihm. Sein Körper spannte sich an. Kamen sie, um ihn zu holen?
Der Deckel der Kiste hob sich, und unvermittelt füllte frische, kühle Luft seine Lungen und traf ihn wie ein Schlag. Taumelnd richtete er sich auf. Sein Kopf drehte sich, und jeder Pulsschlag hämmerte schmerzhaft in seinen Schläfen.
»Komm«, sagte eine helle Stimme, und er sah, wie sich ihm ein blasser Schemen entgegenstreckte. Eine Hand?
»Komm!«, sagte die Stimme erneut, drängender, und er streckte den Arm aus und griff zu. Weiche, zierliche Finger schlossen sich um seine. Eine Frau.
Sie zog, bis er schwankend auf die Beine kam, und stützte ihn, während er über die Seiten der Kiste kletterte.
»Schnell«, sagte die Frau und zerrte ihn mit sich. Er stolperte, stürzte, rappelte sich wieder auf und folgte ihr, so rasch er konnte.
»Steig ein«, sagte sie, und er sah im schwachen Mondschein, wie sie die Beifahrertür eines Autos öffnete.
Er gehorchte und zog die Tür ins Schloss, als sie auch schon hinter dem Steuer saß und den Motor anließ. Ohne Licht lenkte sie den Wagen aus der Einfahrt. Erst, als sie die Straße erreicht hatten, schaltete sie die Scheinwerfer ein und gab Gas.
Ohne den Blick von der Fahrbahn zu nehmen, reichte sie ihm eine halbvolle kleine Wasserflasche.
Mit zitternden Fingern öffnete er den Verschluss und trank in gierigen Schlucken. Er konnte sich nicht erinnern, dass schon einmal etwas so gutgetan hatte.
»Mehr?«, brachte er heraus.
»Im Handschuhfach müsste noch ein Rest sein.«
Auch diese Flasche leerte er auf einen Zug; dann musste er husten, weil er sich in seiner Hast verschluckt hatte.
»Besser?«, fragte sie, als er erschöpft innehielt.
Seine Stimme krächzte. »Ja. Danke.«
Tatsächlich hatte das wenige Wasser kaum ausgereicht, um den schlimmsten Durst zu besänftigen, und er musste sich zusammenreißen, um nicht die leeren Flaschen auf der Suche nach dem letzten Tropfen noch einmal an den Mund zu setzen.
In regelmäßigen Abständen leuchteten die vorbeihuschenden Leitpfosten im Licht der Scheinwerfer auf, und das monotone Fahrgeräusch erfüllte das Innere des Wagens. Seine Lider wurden schwer, und er spürte, wie sich seine Gedanken in unzusammenhängende Bruchstücke auflösten.
* * *
Als er erwachte, war es still. Der Wagen stand auf dem Seitenstreifen einer Landstraße, und durch die weit geöffneten Türen drang die klare Nachtluft herein. Er löste seinen Sicherheitsgurt und schwang die Beine aus dem Auto. Langsam richtete er sich zu seiner vollen Größe auf und stellte mit Genugtuung fest, dass sein Kreislauf stabil war. Doch sein Mund war wieder trocken, und seine Kehle brannte vor Durst.
Vom Heck des Wagens waren leise Geräusche zu hören, und Licht fiel auf die Erde des Seitenstreifens.
Er umrundete den Wagen und sah, dass der Kofferraum offen stand. Die Frau war dabei, Wasser aus einer großen Flasche in mehrere kleine umzufüllen.
Er machte einen abrupten Schritt auf sie zu, und sie schrak so heftig zusammen, dass sie um ein Haar die Flasche fallen gelassen hätte.
Mit einem Fluch riss er sie ihr aus der Hand und trank und trank.
Erst, als sie leer war, setzte er sie ab und rang nach Luft. »Warum zum Teufel hast du –«
Übergangslos beugte er sich vor und brach die komplette Flüssigkeit wieder aus.
»Bordel de merde!«, fluchte er mit Inbrunst und stützte sich am Autodach ab.
»Und genau deswegen habe ich dir nicht mehr gegeben.« Mit in die Hüften gestemmten Armen baute sie sich vor ihm auf.
Er streckte eine Hand aus, und sie starrte ihn einen Moment mit gerunzelter Stirn an. Schließlich zuckte sie die Schultern und reichte ihm eine volle Flasche.
Er drehte den Schraubverschluss ab und nahm ein paar vorsichtige Schlucke. »Danke.«
Überraschung zeichnete sich auf ihrem Gesicht ab, eine Reaktion, die er nicht deuten konnte.
»Ich bin Tessa«, sagte sie dann.
Er wusste, wer sie war. Jeder in der Mördergrube, in die er geraten war, kannte die Tochter vom Chef.
Er trank noch einen Schluck, bevor er ihr seinen eigenen Namen sagte.
»Felix.«