PROLOG

Durch das Fernrohr verfolgte er, wie das Geschöpf den Bürgersteig entlangkam. Die Frau ging dicht neben ihm. Seine Warnungen hatte sie törichterweise ignoriert, aber er würde sie dennoch beschützen.

Er legte den Lauf der Waffe auf dem halb geöffneten Autofenster ab und achtete darauf, ruhig und gleichmäßig zu atmen. Gleich würde es vorbei sein. Die Silbergeschosse, mit denen er die Patronenhülsen geladen hatte, würden ihr Ziel finden, und die Bedrohung wäre ein für alle Mal beseitigt.

Er sah, wie die Kreatur stehen blieb, ihre nassen Haare schüttelte und lachte. Ein fröhliches, unbekümmertes Lachen, als wäre sie tatsächlich ein junger Mann und kein Monster.

Sein Finger am Abzug wollte zittern, als er den Gewehrlauf auf die Brust seines Ziels senkte, doch er riss sich zusammen und machte sich bewusst, dass es nicht wirklich ein Mensch war, der dort stand.

Er atmete tief durch und drückte ab.

Kapitel 1: ANNA

»Verdammt.« Ich starrte auf den Monitor meines Laptops und überflog die Mail, die ich gerade bekommen hatte. Nächste Woche sollte die Website online gehen, und jetzt fanden sie noch einen Fehler? Ich öffnete das angehängte Testprotokoll und war dabei, durch die Tabelle zu scrollen, als ich ein Geräusch hörte und mich umdrehte.

Hinter mir stand ein fremder Mann mit einem Baby auf dem Arm.

»He«, fuhr ich ihn an und klappte meinen Laptop zu. »Schon mal was von vertraulichen Daten gehört?«

Er musterte mich ohne ein Wort, eine große Hand um das Köpfchen des Babys gespreizt, in dem ich jetzt Lily erkannte, die Tochter meiner Gastgeber.

»Wer sind Sie?«, fragte ich.

»Der Klempner«, antwortete er, ohne eine Miene zu verziehen, und bog den Kopf zurück, als Lily nach einer schwarzen Haarsträhne griff. »Und du?«

Ich kniff die Augen zusammen und überlegte, ob ich ihm antworten sollte. Wenn Marion und Ralf ihm ihre kleine Tochter anvertrauten, gehörte er vermutlich zum Rudel oder war zumindest ein guter Bekannter.

»Anna.«

»Simon. Was –« Er unterbrach sich, als ein Welpe ins Zimmer fegte und in der Kurve auf dem Parkett ins Rutschen kam. Er schlitterte ein Stück über den glatten Boden, bevor er gegen den Couchtisch prallte und jaulte.

Im nächsten Moment saß ein nackter kleiner Junge vor dem Tisch und rieb sich die Stirn. »Aua! Warum passiert mir das immer wieder?«

»Vielleicht, weil du immer rennst wie ein Verrückter?«, fragte Simon in mildem Tonfall.

Oliver sah zu ihm hoch und grinste. »Langsam ist langweilig.«

Er wandelte sich wieder und raste auf vier Beinen zurück in den Hausflur.

Simon sah ihm mit einem Kopfschütteln nach.

»Was?«, fragte ich.

»Hm? Nichts«, sagte er. »Ich dachte nur, wie gut er es hat, dass er so früh und so selbstverständlich wandelt.«

Ich verdrängte die Erinnerung daran, wie es sich anfühlte zu wandeln.

»Wieso?«, fragte ich. »Wann hast du denn zum ersten Mal gewandelt?«

Er antwortete nicht.

»Oder kannst du gar nicht wandeln?«

Er hob eine Augenbraue, als er sich zu mir umdrehte. »Oh, ich kann wandeln.« Er klemmte sich das Baby unter den Arm und begann, mit einer Hand seinen Gürtel zu öffnen. »Möchtest du eine Demonstration?«

»Simon.« Ralf stand in der Tür, und seine Stimme enthielt zu gleichen Teilen Warnung und Belustigung. Er kam rüber zu uns und nahm Simon Lily ab.

»Ihr habt euch schon miteinander bekannt gemacht?«, fragte er und legte sich seine Tochter an die Schulter.

Ich zuckte mit den Achseln. »Anna, Simon«, sagte ich, und Ralf grinste.

»Okay. Anna, das ist Simon Weber. Digitaler Nomade und einsamer Wolf«, fügte er hinzu, und Simon schnaubte.

»Simon, Anna Fischer gehört zum Rudel und war Marks Schwägerin.«

Mir entging der kurze Blick nicht, den Simon mir zuwarf, als er hörte, dass ich die Schwägerin von Ralfs Bruder gewesen war. Ich biss die Zähne zusammen, aber er sagte nichts.

»Hat Simon dich geärgert, oder was ist sonst los?«, wollte Ralf wissen.

»Probleme bei der Arbeit«, sagte ich. »In einer Website, die nächste Woche an den Start gehen soll, haben die Betatester einen Fehler entdeckt, und die Programmierer haben noch keine Ahnung, wie sie ihn beheben sollen.«

Simon stand entspannt neben Ralf, die Hände in die Hosentaschen geschoben. »Soll ich mal einen Blick drauf werfen?«

Ich sah ihn skeptisch an. »Kennst du dich mit JavaScript aus?«

Er neigte den Kopf zur Seite. »Unter anderem.«

»Okay«, sagte ich zögernd. »Schaden kann es nicht – solange du mir vorher eine NDA unterschreibst.«

»Meinetwegen.«

»Wir sehen uns dann später«, sagte Ralf und verließ mit Lily das Zimmer.

Ich rief eine Standard-Vertraulichkeitserklärung auf und warf Simon einen Blick über die Schulter zu. »Name, Anschrift und E-Mail-Adresse?«

Ich gab die Daten ein, die er mir nannte. »Ein virtuelles Büro?«, fragte ich, und er machte ein zustimmendes Geräusch.

»Okay«, sagte ich und setzte auf dem Touchscreen meine Unterschrift unter das Dokument, bevor ich ihm den Eingabestift reichte. »Dann unterschreib hier.«

Er beugte sich über meine Schulter, griff nach der Maus und scrollte zum Anfang des Dokuments. In Ruhe las er sich den Inhalt durch, bevor er ebenfalls unterschrieb.

»Ich maile es dir direkt zu«, sagte ich.

»Tu das.«

Ich schickte die Mail raus, dann räumte ich den Platz vor meinem Laptop, indem ich einen Stuhl weiterrückte.

Simon setzte sich und sah mich von der Seite her an. »Du willst aber jetzt nicht die ganze Zeit da sitzenbleiben und mir auf die Finger gucken?«, sagte er.

»Worauf du dich verlassen kannst«, entgegnete ich. Vermutlich würde es ohnehin nicht lange dauern, bis er seine Niederlage eingestehen musste.

Ich öffnete die erforderlichen Unterlagen und erklärte ihm kurz die Zusammenhänge. Dann sah ich zu, wie er sich an die Analyse des Fehlers machte. Nach wenigen Momenten musste ich mir selbst eingestehen, dass er vermutlich tatsächlich ein Programmierer war – seine Finger flogen nur so über die Tasten, als er Befehle eingab und Codeabschnitte testete.

Ein paar Minuten verstrichen, bevor er abrupt aufstand und Richtung Tür ging.

»Gibst du schon auf?«, fragte ich hinter ihm her, aber bekam keine Antwort.

Ich rutschte wieder auf meinen ursprünglichen Stuhl zurück, aber bevor ich meine Aufmerksamkeit dem Monitor zuwenden konnte, war Simon wieder da und legte einen zweiten Laptop auf den Tisch.

»Zieh mir die Dateien auf einen Stick, wenn du Angst hast, dass ich auf deinem Rechner schnüffle, aber hör auf, mir auf den Pelz zu rücken«, sagte er und fuhr den Computer hoch.

Ich tat, was er sagte, und schubste den Stick über die Tischplatte zu ihm, bevor ich meinen Laptop schloss und rüber zur Küche ging.

Marion stand am Herd, und der Duft von gebratenen Zwiebeln und Fleisch füllte den Raum. Das Fenster war von den Kochschwaden beschlagen, und das Radio war laut gedreht und spielte einen Oldie.

Ich lehnte mich in den Rahmen der offenen Tür und betrachtete die häusliche Szene. Als niedergelassene Ärztin war Marion wie ich eine berufstätige Frau – aber zusätzlich hatte sie einen Mann, zwei Kinder und einen Haushalt, während ich manchmal froh war, wenn ich lange genug in meiner Wohnung war, um einen Termin mit der Putzfrau vereinbaren zu können.

»Hi«, sagte ich. »Kann ich helfen?«

Sie drehte den Kopf und lächelte mich an. »Du könntest die Kartoffeln schälen, wenn du die Zeit hast.«

»Klar«, sagte ich und kam in den Raum.

Marion trat zur Tür. »Oliver?«, rief sie. »Holst du mal die Kartoffeln aus dem Keller?«

»Ja-a«, kam es von irgendwoher zurück, und kurze Zeit später schleppte Oliver einen großen Eimer voller Kartoffeln in die Küche.

»Dankeschön«, sagte ich, nahm ihm den Eimer ab und stellte ihn auf den Tisch.

»Papa und ich spielen Memory«, verkündete er. »Ich habe schon elf Paare und Papa erst zwei.«

»Dann geh mal schnell wieder rüber, bevor Papa schummelt«, sagte seine Mutter.

Seine Augen wurden groß, und dann wirbelte er herum und rannte davon.

Ich lachte. »Jetzt hast du Ralf was eingebrockt.«

Marion lächelte und stellte einen großen Topf mit Wasser neben den Kartoffeleimer auf den Tisch. »Du kannst dir die Hände in der Spüle waschen«, sagte sie, breitete ein Stück Zeitung aus und legte einen Sparschäler und ein kleines Küchenmesser bereit.

Ich trocknete mir flüchtig die Hände ab, setzte mich und griff nach der ersten Kartoffel. »Wie viele soll ich schälen?«

»Den Topf dreiviertel voll.«

»Glaubst du wirklich, dass das mit der Hochzeit eine gute Idee ist?«, fragte ich einige Minuten später. Ich legte den Sparschäler aus der Hand und griff nach dem Messer, um ein Kartoffelauge auszustechen. »Ich will ihnen auf keinen Fall den Tag verderben.«

Marion war dabei, Gewürze in ein Tee-Ei zu füllen. »Soll das denn ewig so weitergehen? Die Hochzeit könnte die letzte gute Gelegenheit sein, dass ihr euch aussprecht. Wenn du nicht kommst, glaubt Mark weiter, du gäbst ihm die Schuld an Silvias Tod.«

Ich runzelte die Stirn, während ich weiterschälte. Ich wünschte Mark und seiner neuen Partnerin das Beste, aber er ging mir seit fünfzehn Jahren aus dem Weg, und ich konnte mir nicht vorstellen, dass er Wert auf meine Anwesenheit legte.

Als ich die von Marion gewünschte Menge geschält hatte, faltete ich die Schalen in der Zeitung zusammen und warf das Paket in den Mülleimer, bevor ich den Topf zur Spüle trug, um die Kartoffeln abzuwaschen. Ich füllte ihn mit Wasser, dass die Kartoffeln knapp bedeckt waren, dann stellte ich ihn neben der Pfanne auf dem Herd ab.

»Ich danke dir«, sagte Marion. »Warum kommst du nicht rein, Simon?«

Ich drehte mich um. Simon stand im Flur, ein Stück entfernt von der offenen Küchentür.

Er zögerte einen Moment, dann betrat er den Raum und hielt mir den USB-Stick hin.

»Ich habe den Fehler gefunden«, sagte er. »Ich habe dir meine Analyse und die Korrektur abgespeichert.«

Automatisch griff ich nach dem Stick, doch bevor ich etwas sagen konnte, wandte er sich Marion zu.

»Ich muss noch mal raus.«

»In etwa einer Stunde gibt es Abendessen«, sagte sie, und er nickte und ging.