Die folgende Kurzgeschichte spielt zwischen Band 3 und 4 der „Tatort Rhein-Ruhr“-Reihe.
Jonas und Felix kommen hier mit ihren Familien und Freunden zusammen, um Kölner Straßenkindern eine Weihnachtsfeier zu bereiten, die für sie ein Lichtblick in ihrem schwierigen Alltag ist.
Doch wie sich herausstellt, haben sie mehr Gäste als geplant, und so gestalten sich die Dinge etwas dramatischer, als abzusehen war.

Ein unerwarteter Weihnachtsgast
»Soll ich ihn da hochwerfen, oder wie soll das funktionieren?«
Bei Jonas’ irritierter Frage musste Julia sich das Lachen verkneifen. Er stand vor dem hohen Weihnachtsbaum, in der Hand den Stern, der eigentlich den krönenden Abschluss des Baumes darstellte, den sie aber leider beim Aufstellen vergessen hatten. Helena feuerte aus dem Laufstall heraus ihre Eltern an, indem sie einen Plüsch-Nikolaus mit Glöckchen im Bauch schwenkte. Julias schwarzer Labrador Tai lag neben dem Gitter, die Nase auf den Pfoten.
»Wir schieben die Leiter möglichst dicht an den Baum«, schlug Julia ihrem Mann vor. »Dann kannst du dich rüberlehnen, und ich halte dich dabei fest.«
Jonas hob eine skeptische Augenbraue. »Du hältst mich fest?«
Julia stemmte die Hände in die Hüften. »Ich bin sicher, dass ich stark genug bin.«
»Mir wäre es lieber, wenn ich sicher wäre.«
Bevor Julia antworten konnte, kam Mia in den Raum gestürmt, etwas langsamer gefolgt von Felix.
»Wir sind wieder da!«, verkündete die Sechsjährige das Offensichtliche. »Und wir haben ganz viele tolle Sachen gekauft! Papa sagt, er war froh, dass ich tragen helfen konnte!«
Felix grinste und klopfte seiner Adoptivtochter auf die Schulter. »Und dass ich nicht alle Süßigkeiten selber aussuchen musste.« Er neigte den Kopf und betrachtete Jonas, der noch immer den Stern in der Hand hielt. »Was ein Armleuchter ist, weiß ich ja, aber was stellst du dar?«
»Sehr witzig. Hilf mir lieber mit der Leiter.« Jonas schob die Leiter in den ausladenden Unterteil des Weihnachtsbaums und stieg die Sprossen hoch.
Kommentarlos stellte Felix ein Bein gegen den Holm der Leiter, damit sie nicht wegrutschen konnte. Dann schlossen sich seine kräftigen Finger um Jonas’ Handgelenk, und ohne zu zögern lehnte sein Freund sich vor und steckte die Spitze auf den Baum.
»Ja, ja«, murmelte Julia. »Von ihm lässt du dir helfen.«
»Soll ich ihn loslassen, damit du dich besser fühlst?«, fragte Felix, ohne eine Miene zu verziehen.
»Wenn du das machst, stecke ich den Stern ganz woanders hin«, drohte Jonas.
»Wohin denn?«, fragte Mia voller Interesse, und Felix zog Jonas mit so viel Schwung zurück, dass der sich am Leiterbügel abfangen musste.
»Das will ich lieber nicht wissen«, beschied Felix seiner Tochter. »Willst du direkt mit dem Schmücken anfangen, oder willst du erst heißen Kakao?«
Mias Unterlippe schob sich vor, während sie die schwierige Frage abwog. »Schmücken!«, entschied sie dann.
»Alles klar.« Julia hob die beiden großen Kartons vom Tisch und stellte sie neben dem Baum auf den Boden. Im Laufe der Jahre hatte sich einiges an Deko angesammelt, und seit Jonas und Felix den Straßenkindertreff finanziell großzügig unterstützten, waren noch ein paar Dinge hinzugekommen, so wie die blinkenden bunten LED-Lichterketten, die schon im Baum hingen.
»Du nimmst den unteren Teil und ich den oberen, okay?«, sagte sie, und Mia nickte.
»Felix und ich holen die Einkäufe«, sagte Jonas und setzte sich gerade in Richtung des Küchenbereichs in Bewegung, als Ella durch den Durchgang kam.
»Habt ihr schon Sachen reingebracht?«, fragte die mütterliche Leiterin des Treffs. »Oder hatten sie nicht alles?«
Felix runzelte die Stirn. »Wir haben alles gekauft, was wir sollten. Und es ist alles noch im Auto.«
Ella schüttelte den Kopf. »Ein Teil der Sachen fehlt.« Sie wickelte ihren rot-grün gestreiften Schal enger, als sie durch die Küche und den angrenzenden Lagerraum gingen und in den Hinterhof traten, wo der Kombi mit offenem Kofferraum stand.
Ella wies auf einige Lücken in den dicht gepackten Einkaufskisten, und Felix nickte. »Sieht so aus, als ob du recht hättest.«
»Offen gesagt ist es auch nicht das erste Mal, dass was von einer Lieferung verschwindet, bevor wir die Sachen reintragen können.«
Felix lehnte sich mit verschränkten Armen gegen das Auto und sah sie neugierig an. »Und warum hast du nicht schon früher mal was gesagt?«
Ella zuckte die Schultern. »Es ist eine Sache, wenn jemand von der Straße reinkommt und was abstauben will. Aber eine ganz andere …«
»… wenn einer der Jugendlichen was mitgehen lässt, was er dringend braucht«, ergänzte Felix mit einem Nicken.
»Glaubt ihr, ihr könnt rausfinden, wer es war?«, fragte Ella.
Jonas musste unwillkürlich schmunzeln. »Du installierst die Infrarotsensoren und ich die trittempfindlichen Bodenplatten«, sagte er zu Felix.
Sein Freund schnaubte.
»Aber wir werden uns mal umhören«, fügte Jonas in ernsterem Tonfall hinzu, und Ella nickte befriedigt.
Sie halfen ihr dabei, die Einkäufe in den Vorratsraum zu bringen, und kehrten dann in den Cafébereich zurück, wo Mia halb in einem der großen Kartons verschwunden war.
»Wir müssen uns mal eben Tai ausleihen«, sagte Jonas zu Julia und klopfte auffordernd an seinen Oberschenkel. Der Hund erhob sich sofort und kam schwanzwedelnd zu ihm herüber.
»Was ist los?«, fragte Julia.
Jonas gab ihr einen schnellen Kuss und lächelte sie an. »Wir haben einen neuen Fall.«
Jonas und Felix kehrten mit Tai in den Innenhof zurück und hielten neben dem Kombi.
»Such«, forderte Jonas auf, und Felix schüttelte den Kopf. »Woher soll er denn wissen, was er suchen soll?«
Jonas hob eine Schulter. »Irgendwas, was aus dem Rahmen fällt.«
Felix lachte, doch Tai senkte tatsächlich den Kopf und begann zu schnüffeln. Er zog immer größere Kreise, bis er schließlich hinter dem Altpapier-Container landete, wo er verharrte und ausführlich den Boden beschnupperte.
Jonas wechselte einen Blick mit seinem Freund. »Ein guter Platz, um zu warten, ob jemand Einkäufe unbeaufsichtigt lässt.«
»Und jetzt? Willst du tatsächlich eine Kamera anbringen? Oder willst du dich selbst auf die Lauer legen?«
»Lass uns nachher mal rumhören, ob jemand was weiß.« Jonas rief Tai zu sich, und sie kehrten in den Cafébereich zurück.
»Hallo zusammen.« Tessa kam gerade mit Yannick herein und stellte die Babyschale so, dass er den Baum sehen konnte.
Mia ließ sofort den Schmuck stehen, um ihren kleinen Bruder zu begrüßen. »Hast du gesehen, wie schön der Baum schon ist, Mama?«
Tessa nickte und strich ihrer Tochter liebevoll die wirren Locken aus dem Gesicht. »Du hast ganz rote Backen vor Eifer.«
Mia hielt die Hände an ihr Gesicht. »Und eine rote Nase?«, fragte sie hoffnungsvoll, und Tessa lachte. »Und eine rote Nase, mein kleiner Rudolph.«
Mia strahlte. »Hast du die Ruten mitgebracht?«
»Die sind noch im Auto.«
»Wir holen sie«, sagte Jonas. Behutsam trugen er und Felix die Ruten rein, die Tessa und Mia unter Einsatz von reichlich Zuckerguss mit kleinen Süßigkeiten beklebt hatten.
»Legt sie da an der Seite auf den Tisch, ja?«, bat Julia und sah sich zufrieden um. »So langsam wird es.«
Der Baum strahlte in voller Pracht, die Geschenktüten waren gefüllt, und die Tische waren mit roten und grünen Papierdecken und kleinen Weihnachtssternen in goldfarbenen Übertöpfen geschmückt.
Im ersten Jahr hatte es wegen des christlichen Hintergrunds im Vorfeld eine Debatte gegeben, ob eine Weihnachtsfeier im Treff angemessen war, doch inzwischen war sie zur Institution geworden. Und die Straßenkinder selbst machten sich Julias Erfahrung nach herzlich wenig Gedanken um politische Korrektheit und nahmen jede Party mit, ob Zuckerfest oder Weihnachten.
Wieder schwang die Tür auf. Dieses Mal waren es Luka und Veronika, die sie im vergangenen Jahr kennengelernt hatten, als die beiden ins Visier eines Serienmörders geraten waren, nach dem Jonas und Felix gesucht hatten. Mit ihnen kam Micha, Lukas Kollege und bester Freund.
»Hey.« Micha legte einen Kleidersack auf einen der Tische und öffnete den Reißverschluss.
Vor ein paar Wochen hatte er triumphierend verkündet, dass er ein neues Weihnachtsmann-Outfit ergattert hatte, als er mit seiner Musical-Gruppe bei einem Kostümverkauf in der Oper gewesen war.
Jetzt hob er das Kostüm aus dem Kleidersack und breitete es aus. Julia war sprachlos. Sie hatte einen einfachen Anzug erwartet, wie man ihn von Kaufhaus-Weihnachtsmännern kannte, aber vor ihnen lag ein prachtvoller Umhang aus rotem Samt, im unteren Bereich reich mit Goldbrokat besetzt, mit weiten Ärmeln und einem kurzen Schultercape und an den Rändern mit weißem Pelz verbrämt.
»Der ist ja irre.« Julias Assistent Ben strich mit der Rückseite der Finger sanft über den luxuriösen Stoff.
Julia sah seinen ehrfürchtigen Gesichtsausdruck und warf kurzerhand ihre Planung über den Haufen. »Würdest du dieses Jahr den Weihnachtsmann spielen, Ben?«
Er wich zurück. »Ich? Das kann ich nicht.«
»Du kennst alle. Du brauchst noch nicht mal ein Goldenes Buch.«
Der junge Mann nagte an seiner Unterlippe, den Blick auf das Kostüm gerichtet. Endlich nickte er. »Okay.«
* * *
Kaum hatten sie am Mittag die Türen geöffnet, kamen die ersten Jugendlichen in den Treff, um zu essen, Klamotten zu waschen oder einfach nur abzuhängen und sich aufzuwärmen.
Jonas und Felix nutzten die Gelegenheit, sich behutsam umzuhören, ob jemand etwas über die Diebstähle wusste. Zusammen mit seinem Freund hatte Jonas sich schon im Treff engagiert, lange bevor die Streetworkerin Julia im winterlichen Eifelwald auf einen halberfrorenen Mann ohne Gedächtnis gestoßen war.
Doch es war Felix, der frühere Söldner mit der oft schroffen Art und den Narben im Gesicht, dem die Straßenkinder instinktiv vertrauten, auch wenn nur wenige Menschen den Grund dafür kannten.
Aber egal, wen sie fragten, sie ernteten nur Kopfschütteln und Schulterzucken. Bis sie mit Iosif sprachen. Er war aus Russland nach Deutschland geflohen, aus Sorge, im Krieg gegen die Ukraine eingezogen zu werden, und sein Weg hatte ihn über Polen nach Berlin und schließlich bis Köln geführt.
»Ich habe vor ein paar Tagen ein Mädchen auf der Straße getroffen, das neu in Köln ist«, sagte er auf Englisch. Mittlerweile kam er auf Deutsch einigermaßen zurecht, aber er fühlte sich im Englischen wohler. »Ich habe ihr von dem Treff erzählt und dass die Streetworker helfen, aber …« Er machte eine hilflose Geste. »Sie hat Angst. Von irgendwelchen Typen hat sie Horrorgeschichten gehört, was mit Flüchtlingen passiert wäre. Und mir glaubt sie nicht. Sie ist aus der Ukraine geflohen. Und ich bin …«
»Russe«, sagte Felix.
Iosif nickte unglücklich, und Jonas dachte, dass das unbekannte Mädchen wohl ziemlichen Eindruck auf ihn gemacht hatte. »Weißt du ihren Namen?«, fragte er, doch Iosif schüttelte den Kopf.
»Oder wo sie sich aufhält? Oder sonst irgendwas?«, hakte Felix nach, als der Junge erneut verneinte.
Iosif zögerte. »Sie ist –«, begann er, doch dann unterbrach er sich, bevor er fortfuhr: »Sie hat fast nichts, nur einen Rucksack mit ein paar Sachen. Kann sein, dass sie was mitgehen lassen hat.«
Jonas dachte einen Moment nach. »Bin gleich wieder da«, sagte er dann. Er besorgte sich aus dem Büro ein Blatt Papier, einen Edding, eine Prospekthülle und Paketklebeband und kehrte damit zu Felix und Iosif zurück.
»Schreib auf«, sagte er und hielt dem jungen Mann Stift und Papier hin. »Auf Russisch. Schreib: ›Bitte komm rein. Wir helfen dir.‹«
Iosif malte sorgfältig den kyrillischen Text auf. Jonas sah, wie Felix das Ergebnis kontrollierte und ihm fast unmerklich zunickte.
»Danke. Jetzt packen wir einen Schlafsack und ein paar Lebensmittel und Toilettenartikel und so weiter zusammen und stellen das hinter den Container im Innenhof«, sagte Jonas. »Und dann hoffen wir, dass es was bringt.«
* * *
Am zweiten Weihnachtstag stieg die Party und war wie immer ein voller Erfolg. Micha und Veronika unterstützten die etwas dürftigen Gesangseinlagen mit Gitarre und Stimmvolumen.
Es gab Mengen von Kuchen, Keksen, Kakao und Kinderpunsch – oder, wie Julia und ihre Kollegen es in Hörweite der Jugendlichen nannten – ›alkoholfreiem Glühwein‹.
Letzteres sorgte jedes Jahr für einiges Murren, und die Erwachsenen mussten aufpassen wie ein Luchs, dass niemand etwas Hochprozentiges in die großen Thermoskannen kippte.
Bens Auftritt als Weihnachtsmann ging mit großem Gelächter über die Bühne, und seine Ermahnungen sorgten für mehr oder weniger gutmütigen Spott unter den Jugendlichen.
Doch als Mia, Helena und Yannick an der Reihe waren, hielten sich alle zurück, um den Kindern den Spaß nicht zu verderben. Yannick war noch zu klein, um zu verstehen, worum es ging, doch Helena war ungemein beeindruckt.
Bei Mia, die Ben seit über einem Jahr kannte, hatte Julia halb damit gerechnet, dass die Maskerade auffliegen würde, doch als er die Sechsjährige mit tiefer Stimme fragte, ob sie denn lieb gewesen war, nickte sie stumm und mit großen Augen, und auch, als sich der Weihnachtsmann wieder verabschiedet hatte, stand sie noch in seinem Bann.
»Der Weihnachtsmann war ganz lieb!«
»Wahrscheinlich hatte er Angst vor Papa«, sagte Jonas trocken, und Julia musste sich wegdrehen, damit Mia ihr lachendes Gesicht nicht sehen konnte.
»Meinst du?« Mia wirkte besorgt. »Was, wenn er nächstes Jahr nicht wiederkommt?«
»Ich rede mit ihm«, versprach ihr Felix, und Mia strahlte. »Okay.«
Julia sah sich nach Tai um, der zwar zu gut erzogen war, um zu betteln, als typischer Labrador aber keinen heruntergefallenen Krümel verschmähte. Daher rechnete sie damit, ihn unter einem der Tische zu finden, doch er war nirgends zu sehen, und niemand konnte ihr sagen, wo er war.
Nach längerer Suche fand Julia ihn schließlich im Lagerraum hinter der Küche.
»Du darfst hier doch nicht hin!« Sie rief ihn zu sich, aber er wandte nur kurz den Kopf und wedelte leicht. Dann senkte er die Nase und schnüffelte hörbar an der Ritze unter der Tür zum Innenhof, bevor er leise winselte.
»Was gibt’s denn da?« Julia trat zu ihm und legte ihm die Hand auf den Kopf. Jonas hatte ihr von Iosifs Bericht und der Nachricht an das unbekannte Mädchen erzählt. Hatten sie recht mit ihrer Vermutung, dass die junge Ukrainerin die Lebensmittel genommen hatte? Und war sie zurückgekehrt?
In diesem Moment kam ein jämmerlicher Laut von draußen, und Tai legte die Ohren an und winselte erneut.
Julia hatte den Schlüssel schon umgedreht, bevor das Geräusch verklungen war.
Die Dezemberluft wirkte eisig nach der Wärme im Partyraum, und die Lampe über der Tür gab gerade genug Licht, um den Innenhof schwach zu erhellen. Von der Straße her war gedämpftes Rauschen zu hören. Und dann, viel näher, ein schluchzendes Atemholen.
Ein paar rasche Schritte führten Julia hinter den Altpapier-Container, wo ein junges Mädchen kauerte, gewickelt in den Schlafsack, den Jonas und Felix für sie dort deponiert hatten.
Und unübersehbar nicht nur hochschwanger, sondern auch unmittelbar vor der Geburt. Zumindest nahm Julia an, dass es sich bei der Feuchtigkeit, die die Hosenbeine des Mädchens dunkel färbte, um ausgetretenes Fruchtwasser handelte.
Julia ging ein Stück entfernt in die Hocke. »Ich bin Julia«, sagte sie mit sanfter Stimme auf Englisch. »Wie heißt du?«
Das Mädchen wischte sich mit der Armbeuge über das tränennasse Gesicht. »Marika.«
»Wie lange hast du schon Wehen, Marika?«
Ein hilfloses Schulterzucken war die Antwort. Im nächsten Moment zog sie scharf den Atem ein und krümmte sich mit einem Wimmern.
Tai winselte voll Anteilnahme, und Julia verzog mitfühlend das Gesicht. Helenas Geburt war noch nicht so lange her, dass Julia die Wehenschmerzen verdrängt hätte.
Keuchend entspannte sich das Mädchen wieder und sackte zurück gegen die Hauswand.
»Ich rufe den Krankenwagen, Marika.«
»Nein!« Es war fast ein Schrei. »Ich will nicht ins Krankenhaus«, fuhr das Mädchen voller Panik fort. »Ein Mann hat gesagt, dann nehmen sie mir das Kind weg.«
Was für ein Arsch. Julia biss sich auf die Lippen und verkniff sich die spontane Reaktion. »Wir helfen dir, dass das nicht passiert«, sagte sie stattdessen.
Doch das Mädchen schüttelte nur schluchzend den Kopf.
Julia überlegte nur kurz. »Ich bin sofort wieder da«, sagte sie dann und erhob sich.
Jonas sah Julia in dem Moment, wo sie hinter der Verkaufstheke hervorkam. Ihre Blicke trafen sich, und er stellte sofort sein Glas hin und durchquerte den Raum. Felix folgte ihm auf den Fersen.
Julia hatte sie in ein paar raschen Sätzen auf die Situation vorbereitet, doch als Jonas das junge Mädchen sah, wurde er überwältigt von Mitleid.
Neben ihm ging Felix auf ein Knie nieder und beugte sich vor, während er auf Russisch etwas sagte, was Jonas nicht verstehen konnte.
Angsterfüllt kroch Marika in sich zusammen. »Njet!«
Felix lehnte sich zurück. Seine Miene war ausdruckslos, doch Jonas wusste, dass er auf die Weise starke Emotionen verbarg.
Er überlegte, ob er selbst anbieten sollte, Marika zu tragen. Felix’ vernarbtes Gesicht trug sicherlich zu der Reaktion des Mädchens bei, aber auch Jonas war ein großer, kräftiger Mann, der ähnlich furchteinflößend wirken musste.
Er wandte den Kopf, als sich schnelle leichte Schritte näherten, und dann tauchte Mia neben ihnen auf, lehnte sich auf Felix’ aufgestellten Oberschenkel und musterte Marika neugierig. »Wer ist das, Papa?«
Felix legte den Arm um sie. »Das ist Marika. Sie bekommt ein Baby.«
Mias Augen weiteten sich. »Hier draußen?«
»Nicht, wenn wir es vermeiden können«, murmelte Jonas.
Mia und Marika starrten einander an, und dann streckte die junge Ukrainerin zu Jonas’ Überraschung die Hand aus und berührte Felix scheu am Arm. Zwischen ihm und Mia hin- und herschauend fragte sie etwas auf Russisch, und Felix’ Antwort bestand in einem der wenigen russischen Wörter, die Jonas kannte: »Da.« Ja.
Marika senkte den Blick, und Jonas sah sie tief Atem holen. Dann hob sie den Kopf wieder und sah Felix an. »Okay.«
»Spasibo«, sagte er leise, und dann nahm er sie behutsam auf die Arme.
»Bring sie in den Erste Hilfe-Raum«, sagte Julia und ging ihnen mit schnellen Schritten voran. »Ich hole Veronika.«
Felix hatte Marika kaum auf der Untersuchungsliege abgesetzt, als die nächste Wehe einsetzte. Jonas atmete auf, als Julia mit Veronika zurückkehrte.
»Hallo Marika. Ich bin Krankenschwester und werde dir helfen«, sagte Veronika und strich dem jungen Mädchen beruhigend übers Haar.
»Wie lange ist es her, dass du zum letzten Mal bei einer Geburt geholfen hast?«, fragte Felix.
»Nicht seit der Ausbildung. Aber ich glaube nicht, dass sich seitdem anatomisch was geändert hat. Und jetzt alle Männer raus hier.«
Jonas folgte der Aufforderung nur zu gern, und Felix war direkt hinter ihm.
Im Cafébereich war die Weihnachtsfeier unverändert weitergegangen. Doch nach der Szene im Innenhof kamen Jonas die Musik, das Lachen und die Lichter unangemessen vor. Er ging hinüber in den angrenzenden Bereich, wo Helena und Yannick in ihren Reisebetten schliefen, und hob seine Tochter in die Arme. Sie kuschelte sich an ihn, und er atmete ihren warmen Geruch ein.
Während er wartete, ging er mit Helena auf und ab, und schließlich hörte er aus dem Cafébereich das empörte Schreien eines Neugeborenen und trat in den Durchgang.
Julia trug das Baby in ihren Armen, und sie wirkte verschwitzt und glücklich. »In Windeln gewickelt haben wir ihn nicht. Aber hier ist unser Christkind.«
»Ist denn nicht Jesus das Christkind, Mama?«, fragte Mia.
Tessa nahm sie in den Arm. »Jesus ist das Christkind, genau. Aber dieses Baby ist ein Christkind. Und jedes Kind ist etwas ganz Besonderes.«
Und während die überraschten Feiernden Julia mit Fragen bestürmten, sah Jonas auf das schlafende Mädchen in seinen Armen und lächelte.